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Date of registration: Feb 7th 2006

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Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

1

Thursday, July 12th 2007, 7:12pm

Atem holen




Ich fand ein Wort, das hatte kein
Gewicht auf deinen Lippen,
es bestand fast nur aus Atem -
Luft, die sich in deiner Brust
am Rippenfell erwärmte.
Begreifen konnte ich es kaum,
als ich es vorsichtig
mit meinem Mund aufnahm,
doch spüren, wie sein Schweigen nah
an deinem Herzton lag.



Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

GEO

Unregistered

2

Saturday, July 14th 2007, 2:29pm

RE: Atem holen

Hallo Kaleidoskop,
[block]
Ein Gedicht das auf metaphorischer Ebene eine ausgesprochene Rundheit aufweist und mir auf Grund seiner griffigen und stimmigen Bilder sehr positiv auffiel. Ich möchte daher den Versuch unternehmen, die einzelnen Bilder zu deuten.

Quoted

Ich fand ein Wort, das hatte kein
Gewicht auf deinen Lippen,


Das Gedicht beginnt mit einer „Entdeckung“, welche ein „lyrischen Ich“ auf den Lippen eines „lyrischen Du“ macht. Es handelt sich hierbei um ein Wort, dass mit Leichtigkeit assoziiert wird. Ein Wort dessen Bedeutung als emotional „massefrei“ empfunden wird. Der Leser ahnt, dass dieses Wort verbal unausgesprochen bleibt (oder bestenfalls gehaucht wird, wie es bei Liebesparen in dieser Situation anzunehmen ist) und dennoch vom lyr. Ich fühlbar ist --> Das Wort offenbart sich in der Art und Weise wie das lyrische Du dem lyr. ich auf intime Weise nahe ist.

Quoted

es bestand fast nur aus Atem -
Luft, die sich in deiner Brust
am Rippenfell erwärmte.


In diesen Zeilen wird der „hin gehauchte“ Charakter des Wortes durch ein entsprechendes Bild illustriert. Zusätzlich wird erkennbar, dass das lyrische Ich förmlich in das lyr. Du hineinzuhorchen scheint, da die Luft aus welcher das Wort „besteht“ als bis in die Brust hineinreichend beschrieben wird. Das sich das Wort quasi im lyrischen Du erst erwärmen muss, deutet darauf hin, dass es nicht per se diese emotionale Wärme innehat, sondern eines „lebendigen Du“ bedarf um selbige zu entwickeln. Wenn man annimmt das dieses Wort „Liebe“ heißt, wird dieser Umstand sofort verständlich --> es gibt kaum ein Wort mit weniger inhärenter, „selbstständiger“ Aussagekraft als das Wort „Liebe“. Dieser Begriff muss immer wieder neu belebt werden, durch eine „reale“ Situation.
Es ist sehr angenehm, ja geradezu befreiend, dass dieser Begriff nicht beim Namen genannt wird --> Er ist geradezu ein „Gedichtekiller“.

Quoted

Begreifen konnte ich es kaum,
als ich es vorsichtig
mit meinem Mund aufnahm,


In diesen Versen wird eine Kusssituation sehr schön umschrieben. Der Kuss kommt hierbei einem Griff nach dem Wort „Liebe“ gleich, dessen Bedeutung dem „lyrischen Ich“ als fast unbegreifbar erscheint. Der Leser hat fast den Eindruck, als befände sich das lyr. Ich auf der Suche nach einer schlüssigen Erklärung nach der Bedeutung dieser Liebe. Nicht der Liebe wie sie tagtäglich aus Popsongs und gefühlsduseligen Lyrikhäufchen hervorquillt, sondern einer individuellen Liebe, die als schwer verständliches, geheimnisvolles Phänomen verstanden wird, welches sich nur dem sukzessiv „tastenden“ und sehr genau hinhorchenden Individuum erschließt.

Quoted

doch spüren, wie sein Schweigen nah
an deinem Herzton lag.


Diese Zeilen komplettieren das Gedicht auf eine sehr dichte und metaphorisch interessante Art und Weise. Nach dem Lesen dieser letzten Zeilen musste ich verblüfft innehalten und sagen, dass mir das Gedicht gefiel. Die Vorstellung, dass es einen „Herzton“ gibt, der deckungsgleich zu einem unausgesprochenen Wort sein kann, wirkt poetisch präzise und interessant. Auch der Titel ist stimmig gewählt worden, da die Phrase „Atem holen“ eine ganz neue Bedeutung erhält --> Ein lyrisches Ich „holt“ den Atem eines lyr. Du, welcher zugleich mit einer verbalen Bedeutung assoziiert wird (wirklich interessantes Bild).

Der Leser holt nun selber erleichtert Atem: Weder Wörter wie Kuss oder Liebe werden genannt. Stattdessen werden sie umschrieben und in ein neues Licht gerückt. Der Kuss wird zu einer „Entdeckungsfahrt“ und die Liebe zu seinem Gegenstand. Das Hirn des Lesers wird auch jenseits seiner Schubladen aktiviert und das obwohl die verdichtete Thematik höllisch nahe am Klippenrand des Klischees herumbalanciert.
[/block]

Viele Grüße
GEO

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Location: Nähe Wien, Austria

Occupation: Buchhändler

3

Friday, July 20th 2007, 2:24pm

Hallo Kaleidoskop!

Nach langer Zeit kann ich endlich mal wieder ein Werk von dir lesen!

Zu Kritisieren habe ich nichts, es ist einfach nur wunder-, wunderschön!
Aufgeschlüsselt hat GEO es ja bereits sehr ausführlich, mehr könnte ich auch nicht herausfiltern, eher weniger ;)

Bin schon auf deine Erklärung gespannt!

Liebe Grüße vom
Wortgeflecht
Gerne noch zu bekritteln:

Nachtfahrt im Zug

ninniach

Trainee

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Posts: 15 wcf.user.activityPoints: 95

4

Friday, July 27th 2007, 2:42pm

RE: Atem holen

Hallo Kaleidoskop

Das sind wunderschöne Zeilen, die ich hier von dir lesen darf.

Quoted

Ich fand ein Wort, das hatte kein
Gewicht auf deinen Lippen,

das LD verwendet dieses Wort nicht oft und schon gar nicht leichtsinnig

Quoted

Luft, die sich in deiner Brust
am Rippenfell erwärmte.

es kommt direkt aus dem Inneren, weist also keine Oberflächlichkeit auf

Quoted

Begreifen konnte ich es kaum,
als ich es vorsichtig
mit meinem Mund aufnahm,

ein Gefühl ist nicht greifbar, aber doch zerbrechlich und das LI nimmt es mit der gebotenen Vorsicht auf

Quoted

doch spüren, wie sein Schweigen nah
an deinem Herzton lag.

es ist ein Wort in dem echtes Gefühl zu finden ist, kommt direkt von Herzen

sehr schön, die Verbindung der Ebenen von Gefühl und Körperlichkeit.
das Wort (es ist wohl die Liebe oder ich liebe dich) ist nur ein Wort, wird es ohne tiefes echtes Gefühl ausgesprochen.
hier bleibt es (fast) unausgesprochen und ist doch so viel mehr.

LG n.

PS
das ganze hat einensehr schönen Sprachfluß bis auf diese Zeile

Quoted

mit meinem Mund aufnahm

rein vom Klang würde sich mM nach "mit meinem Munde" besser einpassen.

autumncat

Professional

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5

Friday, July 27th 2007, 11:47pm

Hallo Kaleidoskop =)

dein Gedicht im freien Vers spricht mich sehr an.
Ein Wort, gesprochen, ohne Bedeutung, da, wo man gern eine Bedeutung gehabt hätte.
Aber es lag so leicht auf den Lippen, dass man es nicht wahrnahm, vielleicht auch nicht wahrnehmen wollte.
Man nahm es dann doch auf, um fetszustellen, dass es ein bedeutungsloses Wort ist.
Wenn das Herz schweigt, wird jedes Wort zur Farce.

Deine Zeilen gefallen mir gut.

Gern gelesen von
ac
Verzeichnis der Katzenspuren

Es gibt nicht viel, das ich bereue; das aber ungemein.

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Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

6

Friday, September 14th 2007, 6:39pm

hallo @ ´all´ - zum wievielten mal weiss ich nicht, doch ich entschuldige mich auch diesmal für mein schnarchiges Antwortverhalten !

Mensch, und so viele Kommentare...na denn mal los...

tach GEO,

1. was willst du mir mit "[block]" sagen :D

Also ich gebe zu, dass Kommentare in dieser Länge schon in mir eine Kurzblockade verursachen können: ich erschrecke erstmal vor Freude darüber. Bis ich mich dann genügend gesammelt habe, um antworten zu können, kann es auch schon mal passieren, dass der User gar nicht mehr im Forum aktiv ist. Was für ein glücklicher Zufall: du bist noch hier.

Du sprichst auf die ´Rundheit´ der Metaphorik an, und das sollte ich, glaube ich, als Kompliment hinnehmen. Doch mich beschleicht auch manchmal das wage Gefühl, dass bei solch kompromisslosen Erscheinungen auch die Gefahr zu langweilen besteht. Zumindest könnte sich dadurch der Raum für metaphorische Überraschungen sehr einengen, die ich persönlich auch zu schätzen weiss. Ich finde so ein Anspruch stellt auch eine potentielle Zwickmühle dar (frag bloß nicht nach meinen offenen Stellen auf der Haut!)

Quoted

Das Gedicht beginnt mit einer „Entdeckung“, welche ein „lyrischen Ich“ auf den Lippen eines „lyrischen Du“ macht. Es handelt sich hierbei um ein Wort...


o.k., ich habe das Wort ´Wort´ verwendet - darüber, dass du es wörtlich nimmst, brauche ich mich also nicht zu wundern. Doch verbinde ich mit diesem Begriff viel mehr etwas, das enorme Wirkungen verursachen kann, trotz seines geringen Gewichts - dabei muss es sich ganz und gar nicht um etwas Verbales handeln. Drum habe ich ja diese Methaper auch verwendet (ach was ! :rolleyes: ) Was das also sein könnte, will ich gerne dem Leser überlassen, denn für ihn wird es bestimmt etwas anderes als für mich sein, und selbst mir geht es so, dass sich das- je nach Verfassung - ändern kann. Heute ist es z.B. der Blick eines mir fremden Menschen gewesen...die Frage danach, was hinter diesem Blick stand, beschäftigte mich, und ich wollte zu gerne herausfinden, ob er warm, hart, ängstlich, .oder doch stumpf leer und nichtssagend ist. Die Mögllichkeit, dem nachzugehen, um es begreifen zu können, ergab sich hier nicht. Anders als in diesem Text. Dort war Raum und Offenheit genug, sich nahe genug zu kommen, um den anderen ergründen zu können. Manchmal gehört auch Mut oder sogar Zivilcourage dazu, solche Grenzen zu überschreiten. Hier ist es tatsächlich die nahe Vertrautheit - du nennst es Liebe, nennst es Liebe, weil es dich daran erinnert, weil du Liebe damit persönlich verbindest, oder dir wünscht, sie würde sich auf diese Art äussern können (?) Heute will ich es ´Wachsein´nennen - morgen ´ein offenes Ohr haben´.

Ein Kuss. Wie einen Kuss empfinde ich es auch manchmal, wenn mir jemand seine Zeit widmet, um mir wirklich zuzuhören, oder wenn jemand in einem Moment still ist, der Stille braucht, damit etwas wachsen oder heilen kann.

Etwas ´mit dem Mund´ aufnehmen, heisst für mich, dass da jemand ein Lippenbekenntnis offenbart. Da ist Wahres, Echtes, Aufrichtiges in ganz unmittelbarer Nähe, das mir Zugang verschafft zu dem, wonach ich mich sehne. Oft ist es Liebe, dann wieder Verständnis, oder Empathie.

Genau aus diesen Gründen möchte ich das in diesem Gedicht bewusst offen lassen, will keine fixe Denkvorlage geben. Sie würde meiner Intension den Boden unter den Füssen wegziehen, und somit seine Berechtigung verlieren. Ja, GEO, und solange sich die Gedanken über oder zu dem Werk hauptsächlich mit der verdichteten Darstellung eines Kusses beschäftigen würden, wäre der Klippenrand tatsächlich gefährlich nah, und dem Leser würde schwindelig oder ziemlich "[block]" ;)



liebes Wortgeflecht,

endlich mal wieder ein Flechtgebilde in einem Gedichtefaden von mir ! Du kommst ohne Schlüsselbund, aber das stört mich überhaupt nicht - die Tür ist nur leicht angelehnt... :)

Quoted

Aufgeschlüsselt hat GEO es ja bereits sehr ausführlich:


Denkste ! ^ ^

jetzt hoffe ich nur noch, dass mit meiner Erklärung nicht sämtliche Spannung bei dir verloren gegangen ist - sowas kann gravierende körperliche Schäden hervorrufen.



hallo ninniach,

ich spar mir das jetzt, auf deine Interpretation einzugehen, und hoffe, du nimmst meine obigen Ausführungen auch als Antwort für dich auf deine nahen Gedanken an. Schön, dass du so begeistert bist - das kam deutlich bei mir an, und ganz warm. Deinen Änderungsvorschlag kann ich nun gar nicht folgen. Er fügt sich in keinster Weise meinem Rhythmusgefühl.

hallo Mieze,

´freie Verse´ ? hmmm, gut - es ist kein Reimgedicht, das ist aber auch schon das einzige, was ich als stilistisch frei bezeichnen würde.

Quoted

Wenn das Herz schweigt, wird jedes Wort zur Farce.




Das kann ich mit offenen Armen begrüssen :] - nicht nur Worte werden da zur Farce...

auch gerne alles gelesen

liebe Grüsse

J.



p.s.: oh Mann, bin ich heute fleissig gewesen ! Danke.
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mellifica

Unregistered

7

Friday, September 14th 2007, 7:04pm

hallo kaleidoskop, :)

ach so um dein werk nicht hochzuspammen, werde ich dies hier ergaenzen..

1. ich lache wann ich will

2. habe ich dir zwei pns geschickt die bis dato unbeantwortet blieben
und ausserdem haettest du dies genauso tun koennen, nun das ding ist du darfst angeblich ein gereimtes gedicht als langweilig erachten, wenn ich dass aber ueber deine prosa sage, dann kannst du kaum damit umgehen, denk drueber nach:)

3. und dies meine liebe judith ist ja wohl der witz oder denkst du wirklich, dass ich mich dadurch angesprochen fuehle

Quoted


eigentlich habe ich die Signatur entschärft - extra für dich damit da nix Lyrisches aus der Form springt und irgendwo hinläuf
fuer mich entschaerft, na da bedanke ich mich aber dass du mich als so empfindlich einstufst.. :P

Quoted


wie auch immer - danke für dein Feedback ..wir lesen uns (bestimmt)
aber natuerlich lesen wir, sogar ganz bestimmt :) ..*freu*

LG basti

Date of registration: Feb 7th 2006

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8

Friday, September 14th 2007, 7:16pm

1. lach nicht.

2. wenn du willst, dass ich dir eine PN schicken soll, könntest du mir das ja auch über eine PN mitteilen *grins!*

3. eigentlich habe ich die Signatur entschärft - extra für dich damit da nix Lyrisches aus der Form springt und irgendwo hinläuft

wie auch immer - danke für dein Feedback

wir lesen uns (bestimmt)

Judith

p.s.: entschuldige Kaleidoskop, für das offtopic

"schon in Ordnung, Judith - war ja nicht das erstemal" :rolleyes:
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Perry

Lyrisches Licht

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9

Sunday, September 23rd 2007, 12:16pm

Hallo Kalaidoskop,
gefällt mir dieses Stimmungsbild eines "schweigenden Verstehens."
Ich lese aus deinen Zeilen einen zarten Kuss (fand auf deinen Lippen ... vorsichtig mit meinem Mund aufnahm).
Ansonsten bin ich nur an dem "Rippenfell" hängen geblieben, auf das ich als unnötiges Detail gerne verzichten könnte, da es ja auch nicht wirklich wärmt ;) . Gern gelesen!
LG
Perry

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10

Wednesday, September 26th 2007, 12:51pm

hallo Perry,

also, wenn du auf das Rippenfell verzichten magst, sei dir das gegönnt - ich mag es (auch witterungsunabhängig) sehr gerne. Für mich ist es wie eine Reise ins Innere, dieses Tasten nach Wärme...

danke fürs Lesen und Rippenfellkraulen :O

liebe Grüsse

J.
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