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Date of registration: Dec 23rd 2006

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1

Thursday, July 5th 2007, 1:34pm

Terzinengrabrede

Terzinengrabrede

Ich schreibe nichts, es ist in mir nur Leere.
Dabei wär’ es als Dichter meine Pflicht
zu sagen, wie die Welt so gerne wäre.

Doch ist es so, als sähe ich kein Licht,
als würd’ der Stift im Schattentanze kreisen,
bis er verstummt in meiner Hand zerbricht.

Der Lyriker der Neuzeit liegt in Eisen,
gekettet an Vergangenes aus Staub.
Was seid ihr Goethe, Schiller noch am Preisen?

Für unser Treiben seid ihr dafür taub.
Ich schreibe nichts, ich lös’ die Formen auf!
Terzineneinerlei wird heut’ mein Raub,

die Flammen nehmen flackernd ihren Lauf
und brennen sich in Metriksärge ein.
Von solchen gibt es immer noch zuhauf,

sie sollten längst schon eingeäschert sein.


RPK 050707
Sammelsurium: Werkesammlung


Ciproflox

Professional

Date of registration: Jun 6th 2007

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2

Thursday, July 5th 2007, 2:20pm

RE: Terzinengrabrede

Hi

Das Sonett anzuprangern wäre wohl zu aufwändig gewesen? :D

Also los:

Eine Terzinengrabrede wird gehalten
aba, bcb, cdc, ded, efe, f


Die letzten drei Strophen sind zehnsilbig, nach dem deutschen Jambenmuster. Gehst du hier bewusst vom endecasillabo auf Pentameter um?

S1

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx

S2

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX

S3

xXxXxXxXxXx
xXxxxXxxxX
xXxXxXxXxXx

S4

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX

s5

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX


xXxXxXxXxX


Auffällig unregelmäßig ist der mittlere Vers von Strophe 3
"ge'kettet an Ver'gangenes aus 'Staub"

Was sag ich zum Inhalt?
Als Dichter wäre es dein Pflicht zu sagen, wie die Welt so gerne wäre? Das klingt in meinen Ohren reichlich zynisch.

In der 2. Strophe übersehe ich wahrscheinlich Anspielungen, Licht und Schattentanze, verstummter Stift zerbricht

Dann die 3. Strophe
Der Lyriker der Neuzeit liegt in Eisen - ketten? Das wirkt unklar
an Vergangenes aus Staub gekettet, was ja nicht geht. Das Angekettetsein ist illusorisch, nur scheint man sich nicht davon losmachen zu können. In dem darauffolgenden Vers kann ich dem lyrIch mehr oder weniger zustimmen.

Für unser Treiben seid ihr dafür taub
Dass sie taub für unser Treiben sind, ist logisch, weil tot, aber das "dafür" drückt eine Kausalität aus, sie sind tot "für" unser Treiben, was dann wiederum eine "doch"-Abhängigkeit ausdrücken würde. Wie siehst du das?

FG,

Cipro
Überblick

Zitat von »King Lear«

Aus nichts kann nichts entstehen: sprich noch einmal

ruelfig

Master

Date of registration: Nov 6th 2006

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Location: Von

Occupation: Ökologische Ausgleichsfläche

3

Sunday, July 8th 2007, 11:29pm

Hallo Roland,
da wage ich mal eine Interpretation deines Gedichts, welches mir viel Freude bereitet.
Der "Pflicht", der Welt etwas mitzuteilen mit seinem Werk, gehorcht das LyrI hier explizit nicht, es gibt nichts her. Sein Stift kreist im dunklen, über dem leeren Blatt, wird unnütz.
Das LyrI beklagt seine Gefangenschaft im Alten, dass nur Vergangenes Lob, sein Rufen kein Gehör findet.
In S4, Z1 bringt es Zeugen ("unser Treiben") an, dann wird es etwas widersprüchlich: nichts zu schreiben, kann die Formen nicht auflösen. Oder wäre hier die Bedeutung: ich tu ja nichts, ich spiel doch nur?
Jetzt läuft LyrI Amok, es fackelt die zahlreichen Behältnisse toter Gesetze und Regeln ab, die ihn vom Schaffen abhalten, auf dass aus der Asche der Phönix des nix erstehe.
Für mich eine feine Ironie auf Lyriker, die versuchen, durch wütende Aktion den Ewigen ihre Daseinsberechtigung zu nehmen, ohne "positiv" etwas beizutragen, eigenes zu schaffen. Rebell ohne Ahnung? Da fühl ich mich ein Stück weit betroffen :-).
Grüße,
Rolf
P.s. Hätte auch gut bei Satire eine Heimat finden können.
Gegenismen

Date of registration: Dec 23rd 2006

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4

Monday, July 9th 2007, 11:44pm

RE: Terzinengrabrede

Hallo Cipro,

es gibt keine drei unbetonten Silben hintereinander im Metrum.

Quoted

gekettet an Vergangenes aus Staub.
ist daher ganz normal alternierend: xXxXxXxXxX

Auch ein Endecasillabo ist nchts anderes als ein jambischer Pentameter mir weiblicher Kadenz. Die letzten Terzinen haben einfach männliche Kadenzen, auf eine starre Regelmäßigkeit der Kadenzen habe ganz einfach keinen Wert gelegt, um mich nicht zu sehr einengen zu lassen.

Quoted

Als Dichter wäre es dein Pflicht zu sagen, wie die Welt so gerne wäre? Das klingt in meinen Ohren reichlich zynisch.
:D Ja, stimmt, eigentlich hätte man erwartet, dass darüber gedichtet wird, wie die Welt ist, nicht wie sie gerne wäre. Da liegt schon eine Wertung darin, ob die gleich zynisch ist, wie Du es empfindest, nun ja, das überlasse ich dann auch den Gedanken des Lesers.

Quoted

ketten? Das wirkt unklar
wieso unklar? Erst die Grundaussage, dann die nähere Beschreibung.

Quoted

an Vergangenes aus Staub gekettet, was ja nicht geht. Das Angekettetsein ist illusorisch, nur scheint man sich nicht davon losmachen zu können.
Wunderschön interpretiert :]

Quoted

Für unser Treiben seid ihr dafür taub
Dass sie taub für unser Treiben sind, ist logisch, weil tot
Da scheinst Du den Bezug misssverstanden zu haben. "Sie" ist hier doch das Plural-LyrDu und nicht Goethe und Schiller.
_______________________________________________________

Hallo Rolf,

Quoted

welches mir viel Freude bereitet
:]

Quoted

Der "Pflicht", der Welt etwas mitzuteilen mit seinem Werk, gehorcht das LyrI hier explizit nicht, es gibt nichts her. Sein Stift kreist im dunklen, über dem leeren Blatt, wird unnütz.
Auch nah an meiner Intention interpretiert. In den ersten beiden Terzinen beschreibt das LyrIch seine empfundene Lage, danach setzt er diese in Beziehung zu Ursachen, um dann sein Fazit zu ziehen.

Quoted

Jetzt läuft LyrI Amok, es fackelt die zahlreichen Behältnisse toter Gesetze und Regeln ab, die ihn vom Schaffen abhalten, auf dass aus der Asche der Phönix des nix erstehe.
Das trifft meine gewolte Aussage, bist aus den Punkt, dass die "titen Gesetze und Regeln" das lyrIch vom Schaffen abhalten. Es ist vielmehr so, dass es sich von ihnen noch immer gefesselt fühlt. Es vergeht ihm die Lust an seiner freien, modernen, ungebundenen Lyrik, weil noch immer althergebrachte Reimgedichte gepriesen und als "das" Gedicht angesehen werden.

Aus Wut darüber beschließt es, nichts mehr zu schreiben in Coexistenz zu den alten schönen Formen, es rechnet zuerst ab, befreit sich von den alten Formen, vernichtet sie, trägt sie zu Grabe - und berichtet hier in diesem Gedicht über dies alles in... Terzinen 8o ;(.

Daher ist Deine Bemerkung

Quoted

P.s. Hätte auch gut bei Satire eine Heimat finden können.
natürlich nicht ganz abwegig ;).

Eine Wertung und klare Fingerzeig-Aussage gibt es eben dadurch nicht. In Wirklichkeit ist der Dichter der Neuzeit hin- und hergerissen zwischen dem Willen zum Neuen und Modernen und der Faszination so schön klingender Formen wie etwa den Terzinen.


Danke Euch beiden für Eure Kommentare und Interpretationen

AE
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