Thursday, May 24th 2012, 12:41am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Alexa

Blickdicht(erin)

Date of registration: Dec 15th 2006

Posts: 1,534 wcf.user.activityPoints: 8,395

Location: von draußen vom Walde...

1

Tuesday, June 19th 2007, 2:18pm

Zirkusleben

Ich male mir mit roter Farbe
ein breites Grinsen ins Gesicht
und lauf mit viel zu großen Schuhen
im grünkarierten Jackenrock
durch meine eigene Manege.

Für euer Lachen weine ich.

Oft sieht man meinen Zirkuswagen
aus buntbemaltem Fichtenholz
holpernd durch die Straßen ziehen.
Zur nächsten großen Clownerie.
Doch wenn mein letzter Vorhang fällt,

dann nehme ich die Tränen mit.
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

Posts: 727 wcf.user.activityPoints: 4,605

Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

2

Tuesday, June 19th 2007, 7:06pm

Hallo Alexa,
Dein reimloses Gedicht hat einen wunderbaren rhythmischen Fluss.
Von zwar reimlosen Gedichten aber in klassischem Metrum, in klassischem Muster und in "klassischer" Sprache ist mir diese eines der angnehemsten und schönsten, rundesten. :)

Dass in den durchweg vierhebigen Zeilen dann im zweiten Texblock bei
"holpernd durch die Straßen ziehen"
der Auftakt wegfällt, stört [mich] überhaupt nicht .. im Gegenteil, kann man dieser Abweichung doch inhaltlich sogar Begründung geben.

Kleinigkeit:
in "Für euer Lachen , weine ich."
- da ist noch ein Komma zuviel. ;)

In Z. 4
"in grünkariertem Jackenrock"
würde ich dazu tendieren, aus Klang- und Lesegründen das grammatisch umzudrehen
im grünkarierten Jackenrock
- aber das ist eine subjektive Geschmacksfrage.

Was die Aussage der Schlusswendung mir inhaltlich bedeutet, da bin ich mit mir noch nicht im Reinen ... :rolleyes:

Nimmt LyrIch nur seine Tränen mit (das wäre binsenweisheitlich normal) - oder auch die von anderen?

Vielleicht kannst Du zur Zielsetzung ein bißchen was sagen ...


Gruß,
Odra.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

Ralph

Intermediate

Date of registration: Jan 2nd 2007

Posts: 128 wcf.user.activityPoints: 820

Location: Mosbach (BaWü)

3

Tuesday, June 19th 2007, 9:54pm

RE: Zirkusleben

Hallo Alexa,

ich freue mich, dass du wieder zur Feder gegriffen und uns mit einem neuen Gedicht beehrt hast.:)
Du hast dir das Schreiben zur heiligen Pflicht erhoben.

"Zirkusleben" hebt sich deutlich von deinem letzten Gedicht "Augenblickzauber" ab.
Während "Augenblickzauber" in einem unerfüllbarem Verlangen, in einem unerreichbaren Wunschdenken nach Idealvorstellungen mit zartem Ton gezeichnet wurde, findet im "Zirkusleben" sich nüchtern Bodenständiges, ein ernsterer Sinn waltet, der sich die Maske der Satire vorhält.

Gerade dieses Spöttische ist es, das die Hoffnungslosigkeit des lyrischen Ichs zementiert.


Quoted

Ich male mir mit roter Farbe

Ist die Kursivschreibweise beabsichtigt? Liegt darin die Kernaussage?

1.) Rot gilt allgemein als die Farbe des Lebens. Versucht das von jeglicher Lebensfreude verlassene Lyrische Ich sich das Leben "aufzutragen", sich zu maskieren quasi als Make-up.

2.) Rot ist aber auch die Farbe der Liebe. Durch das Anmalen könnte auch der Beliebtheitsgrad erschlichen werden.


Quoted

ein breites Grinsen ins Gesicht

Die gute Miene zu schlechtem Spiel? Das "breite" überspitzt, verstärkt das Verlangen danach.



Quoted

und lauf mit viel zu großen Schuhen

Einerseits soll hier durch den komischen Effekt der viel zu groß geratenen Schuhe ein Lachen dem Publikum abgeschmeichelt werden.
Andererseits zwingen die Schuhe einen zu einer nicht natürlichen Gangart, man will ja mit der "Zeit" Schritt halten und orientiert sich an den äußeren, niederen Bedürfnissen eines zu unterhaltenden Publikums.

Quoted

in grünkariertem Jackenrock

Die Groteskheit deutet hier noch einmal auf das allein auf die Unterhaltung zielende zur Schau stellen. Unterhaltung, nicht die eigene, gelebte Subjektivität ist oberstes Gebot.

Quoted

durch meine eigene Manege.

Scheinbar gefällt man sich in dieser Rolle stückweit, wird einem doch Applaus zuteil ...


Quoted

Für euer Lachen, weine ich.

... für den man sich aufs aller Erniedrigendste "prostituiert" hat.

Quoted

Oft sieht man meinen Zirkuswagen
aus buntbemaltem Fichtenholz
holpernd durch die Straßen ziehen.
Zur nächsten großen Clownerie.

"The show must go on". Ein ewiges Abhetzen von einer Belustigung zur nächsten.
Man "erspielt" sich seine Freunde, seine Verehrer um ein paar Knochen der Anerkennung, die es abzunagen gilt.


Quoted

Doch wenn mein letzter Vorhang fällt,
dann nehme ich die Tränen mit.

Wenn der Vorhang fällt, der letzte Lidschlag in der Todesstunde fällt, zerreisst auch der Schleier: kein gestilltes Verlangen, edles Leben flieht.


Alexa, ich finde dein Gedicht sehr traurig, nachdenklich, deutet es doch auf den sinn- und aussichtslosen Kampf um das Gefühl des Angenommenseins, die Preisgabe des eigenen "Groß-Formats" zugunsten jäh verhallender Anerkennung applaudierender Hände.
Es soll uns mahnen, dass Angenommensein stets voraussetzungslos sein sollte, verdienstlos, "wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk".

L.G.
Ralph

Alexa

Blickdicht(erin)

Date of registration: Dec 15th 2006

Posts: 1,534 wcf.user.activityPoints: 8,395

Location: von draußen vom Walde...

4

Thursday, June 21st 2007, 11:33am

Hallo Odra, Hallo Ralph



Odra:

Quoted

Dein reimloses Gedicht hat einen wunderbaren rhythmischen Fluss.
Von zwar reimlosen Gedichten aber in klassischem Metrum, in klassischem Muster und in "klassischer" Sprache ist mir diese eines der angnehemsten und schönsten, rundesten.

Hey- das fühlt sich gut an. :]

Quoted

Dass in den durchweg vierhebigen Zeilen dann im zweiten Texblock bei
"holpernd durch die Straßen ziehen"
der Auftakt wegfällt, stört [mich] überhaupt nicht .. im Gegenteil, kann man dieser Abweichung doch inhaltlich sogar Begründung geben.

Ja- denn der Zirkuswagen der hier holpert, soll das Leben des Clowns darstellen. Ich spiele gerne mit der Metrik und freue mich das es dir aufgefallen ist.

Das Komma- ist schon weg. ;)

Quoted

im grünkarierten Jackenrock

ich werde deinen Vorschlag annehmen.

Quoted

Nimmt LyrIch nur seine Tränen mit (das wäre binsenweisheitlich normal) - oder auch die von anderen?


Nein, es nimmt nur die eigenen Tränen mit. Stirbt mein weinen( meine Tränen)- stirbt auch euer Lachen.
Den Bezug zu – für euer lachen weine ich- hast du ja schon gesehen.

Vielen herzlichen Dank für deine Mühe und die Kommahilfestellung ;)

Ralph;

Quoted

"Zirkusleben" hebt sich deutlich von deinem letzten Gedicht "Augenblickzauber" ab.

Ja, die Maske der Satire. Genau das.

Quoted


Gerade dieses Spöttische ist es, das die Hoffnungslosigkeit des lyrischen Ichs zementiert.

Auch hier ein zustimmendes Ja.

Quoted

Ist die Kursivschreibweise beabsichtigt? Liegt darin die Kernaussage?

Kursiv = laufend schräg- auch das passt.

Quoted

1.) Rot gilt allgemein als die Farbe des Lebens. Versucht das von jeglicher Lebensfreude verlassene Lyrische Ich sich das Leben "aufzutragen", sich zu maskieren quasi als Make-up.

Ja, die Farbe des Lebens

Quoted


2.) Rot ist aber auch die Farbe der Liebe. Durch das Anmalen könnte auch der Beliebtheitsgrad erschlichen werden.

Hmmm...jain, aber nicht bewusst, aber man kann es durchaus so lesen.


Quoted

ein breites Grinsen ins Gesicht
Die gute Miene zu schlechtem Spiel? Das "breite" überspitzt, verstärkt das Verlangen danach.


Ja, die gute Mine zum schlechten Spiel trifft den Punkt. Aber der Clown hat kein Verlangen danach. Er muss es einfach tun um bestehen zu können.

Quoted

und lauf mit viel zu großen Schuhen


Die großen Schuhe werden ihm angezogen. Er muss damit laufen auch wenn er ständig damit stolpert.

Quoted

man will ja mit der "Zeit" Schritt halten

nein, das will er nicht. Er will nur die hohen Ansprüche die an ihn gestellt werden, ( die er’s ich selber stellt?) - erfüllen.

Quoted

in grünkariertem Jackenrock
Die Groteskheit deutet hier noch einmal auf das allein auf die Unterhaltung zielende zur Schau stellen. Unterhaltung, nicht die eigene, gelebte Subjektivität ist oberstes Gebot.


Ja, in gewissem Sinne auch das, aber–
(Ich fürchte hier habe ich von meinen Lesern zuviel verlangt.) Grünkariert;
Grün steht hier für Hoffnung. Mein Lyrich hofft dass das was es da tut vielleicht doch noch einen Sinn hat. Kariert soll hier für ein System stehen dem wir eigentlich ja alle unterliegen.

Quoted

durch meine eigene Manege.
Scheinbar gefällt man sich in dieser Rolle stückweit, wird einem doch Applaus zuteil ...


Nein, er gefällt sich ganz und gar nicht in dieser Rolle. Eigene Manege soll hier sein leben = wie er es lebt- wie er handelt) darstellen. Manege = kreisrund – da kommt er nicht mehr raus.

Quoted

Für euer Lachen, weine ich.

... für den man sich aufs aller Erniedrigendste "prostituiert" hat.


Ja, so kann man es auch nennen. Aber es bezieht sich hier nicht auf eine Person- sondern auf eine ganze Gesellschaft.


Quoted

Oft sieht man meinen Zirkuswagen
aus buntbemaltem Fichtenholz
holpernd durch die Straßen ziehen.
Zur nächsten großen Clownerie.

"The show must go on". Ein ewiges Abhetzen von einer Belustigung zur nächsten.
Man "erspielt" sich seine Freunde, seine Verehrer um ein paar Knochen der Anerkennung, die es abzunagen gilt.


Hmm... der Zirkuswagen stellt hier das Leben des Clowns dar. Einfach, monoton – ( Fichtenholz) buntbemalt – ( er denkt sich das Leben bunter als es ist)
Holpernd- nun ja...sein leben, seine Gedanken holper(t)n eben.
Aber - the show must go on..passst da schon wieder.

Quoted

Doch wenn mein letzter Vorhang fällt,
dann nehme ich die Tränen mit.
Wenn der Vorhang fällt, der letzte Lidschlag in der Todesstunde fällt, zerreisst auch der Schleier: kein gestilltes Verlangen, edles Leben flieht.


Das er zum Schluss die Tränen mitnimmt ist sein Vergeltungsschlag. Nimmt er die Tränen mit – die er ja eigentlich nur für die Anderen geweint hat ( für euer lachen- weine ich, handele ich entgegen meiner Überzeugung))-
dann vergeht auch ihr lachen ( ihr Wohlbefinden), denkt er sich.

Du liegst mit deiner Interpretation sehr nah an meiner Intention - aber mein Lyrich kämpft hier nicht bewusst um Anerkennung- obwohl das sicher ein Grund dafür ist dass Menschen sich „ prostituieren“,
sicherlich auch ein Stück weit anerzogen.
Hier ging es mir um das System unserer Gesellschaft in dem man „mitlaufen“ muss um -.... ja was eigentlich? Ist es der Wunsch, das Verlangen nach Macht? Nach Darstellung? Braucht der Mensch das, um mit sich zufrieden zu sein? Oder ist es doch der Wunsch nach Anerkennung?
( hinzu kommt noch das man selbst in einer Strohhütte ein stückchen Brot benötigt um zu überleben, und das Stroh gibts auch nicht mehr kostenlos)) :D


Ich danke dir für dein sehr tiefsinniges Lesen und hoffe ich konnte meine Gedanken, die mich zu diesem Text veranlasst haben, verständlich näher bringen.

L.G.
Alexa
Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
(Winston Churchill)

Ich hier

Ralph

Intermediate

Date of registration: Jan 2nd 2007

Posts: 128 wcf.user.activityPoints: 820

Location: Mosbach (BaWü)

5

Thursday, June 21st 2007, 12:20pm

Hallo Orakel von Deli,

also, dass Dein Text so rätselhaft angelegt ist, mit solch tiefen Gedankengängen, darauf hatte ich mich nicht eingestellt, was jetzt aber kein Abqualifizieren Deines Werkes/Deiner Person sein soll. ;)

Ok, dann gehe ich eben das nächste Mal mit der Sorgfalt eines Goldschürfers zu Werke und suche nicht nach Nuggets, sondern nach Goldstaub am Oberarm deines Gedankenflusses.

Somit verharre ich auf deinen nächsten Orakelspruch
und verweile indes weihrauchschwingend

Hohepriester Ralph :D

wcf.user.socialbookmarks.titel