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Date of registration: Feb 7th 2006

Posts: 722 wcf.user.activityPoints: 4,130

Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

1

Sunday, June 17th 2007, 7:51pm

Tauchende




Tastender,
spürst du, wie sich
die Mitternacht in uns vertieft,
wie mähnenschwer auf unsrer Haut
ein Duft von Algen liegt?
Wir schwimmen,
murmelst du und tauchst
aus deinem Traum in meinen ein.
Träumender,
wir üben uns,
in einem Atemzug zu sein.



Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

Ciproflox

Professional

Date of registration: Jun 6th 2007

Posts: 440 wcf.user.activityPoints: 2,930

2

Monday, June 18th 2007, 8:28am

RE: Tauchende

Wah ziemlich geil!
Allein das
Tastender
erinnert mich irgendwie stark an Celans "Mandelnde"
Der mähnenschwere Duft von Algen - gefällt mir irgendwie nicht so sehr, auch wenn sich das Bild klar darstellt. Lediglich die sich vertiefende Mitternacht greift die Meerthematik auf.

Dann
"Wir schwimmen, murmelst du und tauchst..." Hm ich weiß nicht so recht! Vielleicht kommt mir da noch ein Gedanke.

Schlusssatz: Wieder ein typischer Celan-Satz. Gibs zu, der Einfluss ist nicht zu verkennen? :D

Was mir gefällt ist die Kürze, doch Konsequenz, schnörkellos und doch dieses "Verschwommene" innerhalb eines oder zweier Träume!

Freundliche Grüße
Überblick

Zitat von »King Lear«

Aus nichts kann nichts entstehen: sprich noch einmal

machtwort

Unregistered

3

Monday, June 18th 2007, 3:31pm

RE: Tauchende

Hallo Kali,

Ich hatte gehofft, Du würdest beim Wettbewerb mit-
machen, ich hätte mit Sicherheit sofort sagen können
welcher von Dir ist, auch dieses Gedicht trägt unver-
kennbar Deine Handschrift, wenn Du auch diesmal
ein paar kleine Reime hineingemogelt hast, lebt es
von...ja wovon eigentlich?
Sorry, in Ermangelung besserer Worte versuche ich
es mal so: Nähe, so Nah, daß es möglich scheint, in
die Träume des Anderen einzutauchen und selbst
die Atemzüge zu synchronisieren.
Das schafft mir eine Gänsehaut und trifft, ohne alles
in Gänze erfassen zu müssen, was übrigens bei
kaum einem Deiner Texte leicht ist....
Du schaffst einen Ton der sich einschleicht wie ein
Bild im Übergang zwischen Wachen und Schlaf und
der dem Ohr schmeichelt, wie warmes Meerwasser,
zart und unverschämterweise doch gänzlich unkitschig.
Wie machst Du das bloß?
Da wird man ganz wuschig von!

machtwort

Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

Posts: 727 wcf.user.activityPoints: 4,605

Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

4

Thursday, June 21st 2007, 3:01am

RE: Tauchende

Hi Kali - hier ein Gedicht von Dir in der Kategorie "Erotik" ... das lass ich mir doch nicht entgehen! :P

Ich hab's jetzt so oft gelesen, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll ... wo denn der Beginn für mich war. :rolleyes:
Fang ich einfach von hinten her an - von meinem Gesamteindruck und "weiterführenden Überlegungen".

Mir ist nämlich mit etwas Weile klar geworden, dass mir hier in diesem Gedicht etwas besonders gefällt ... und erst mit der Feststellung dessen hab ich bemerkt, dass offensichtlich viele Texte zum Bereich Liebe / Erotik daran kranken: An einem unausgewogenen Partnerschaftsverhältnis.
Das muss nun kein Manko sein für einen Gedichttext - da sei immer der einseitige Blick erlaubt; oft lebt so ein Text ja von dem assymetrischen Spannungsverhältnis, das ein LyrIch zu dem Gegenüber aufbaut und sprachlich ausdrückt.
Aber es ist schon bezeichnend, wie selten da ausbalancierte Verhältnisse mit einem Blick von beiden teilnehmenden Seiten thematisiert werden ...

Dein Gedicht zeigt einmal, dass es mehr gibt als erotische Befindlichkeitstexte, die den anderen begehren/vermissen/lieben/beschwören/vernaschen/projizieren/hasslieben ... whatever.
Dein Ich äußert sich ... und Dein Du äußert sich ebenso, auf offensichtlich gleicher Ebene, ohne dass das Gedicht irgendein "Gefälle" transportieren würde (einer sei der Führer ...) - also "auf Augehöhe"! =)

Die Tauchende fragt "spürst du ...?" - der Tastende murmelt eine Antwort und taucht ... und die Tauchende spricht abschließend vom Eins-Sein. Und in allen Äußerungen spielt ein "Wir" eine auffällige Rolle. Und "uns"/"unser" ...
Das einzige Mal, dass von "dein" und "mein" die Rede ist (Z. 8), dreht es sich um den Austausch der Träume ... die (so nehmen wir an) wieder zu einem "wir" zerfließen .... (auch wenn der Zielpunkt "mein Traum" ist, so steht doch der Austausch, der Besuch des anderen, das Hinübergehen im Vordergrund).

Der Duft von Algen liegt über diesem Meer des Träumens (dieses [Ein]Tauchen ins Meer ist auch mir im Dichten ein liebes und wertes Bild für Schlaf und Traum! =)).

Ich kann Cipros Einschätzung nicht teilen:

Quoted

Original von Ciproflox
Lediglich die sich vertiefende Mitternacht greift die Meerthematik auf.

Das geht doch vom Titel, der "Tauchenden", über die "Algen", das "schwimmen", das "tauchen" bis hin zum darauf rückbezüglichen "Atemzug" der letzten Zeile - - ganz konsequent und schlüssig!
Im Gegenteil: Für mich ist ausgerechnet die sich vertiefende "Mitternacht" das schwächste Bild in dieser starken Metaphern-Umgebung.
Da bleibt mir - ehrlich gesagt - nicht mehr übrig als das Zeitsignal, Kali.
Überseh ich da was? :rolleyes:
Diese Z. 3 gibt mir am wenigsten Spezielles ...


Schön - wie oben ausgeführt -, dass dann in Z. 6 bis 8 das LyrDu auch [gleichberechtigt!] zu Wort und Aktion kommt! :)

Und Dein Schlussbild ist natürlich ein gar wunderbares, Kali:
Sowohl von der Vorstellung als auch in der sprachlichen Gestalt
(entfernt erinnert mich diese "Synchronisierung" des Seins in einem Atemzug -
- an die Simultan-Setzung des Seins in Inspiras "Zugriff um Mitternacht" :))


Danke, dass wir hier mit in Deinen Traum tauchen durften (ein bißchen ;)).


Quoted

Original von machtwort
Du schaffst einen Ton ... zart und unverschämterweise doch gänzlich unkitschig.
Wie machst Du das bloß?
Da wird man ganz wuschig von!


Wer könnte das treffender ausdrücken als unser wortmächtiges Machtwort! :D
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

Ciproflox

Professional

Date of registration: Jun 6th 2007

Posts: 440 wcf.user.activityPoints: 2,930

5

Thursday, June 21st 2007, 1:15pm

RE: Tauchende

Hm ich habs jetzt nochmal zweimal gelesen und will Folgendes sagen:

1) Bei der ersten erneuten Lektüre dachte ich: Mensch bist du denn so blind? Natürlich greift die Meerthematik durchs ganze Gedicht, was meinen Einwurf obsolet macht.

2)Beim zweiten Mal jedoch hab ich meine alte Lesart angewandt, demnach verstehe ich das so

Tastender,
spürst du, wie sich
die Mitternacht in uns vertieft,
wie mähnenschwer auf unsrer Haut
ein Duft von Algen liegt?
Wir schwimmen,
murmelst du und tauchst
aus deinem Traum in meinen ein.
Träumender,
wir üben uns,
in einem Atemzug zu sein.


In den ersten vier Zeilen kann man sich leicht dem Meer entziehen, es wird ein Du angesprochen, selbst der mähnenschwere Duft kann auch in der Landluft liegen.

Dann: Wir schwimmen,
murmelst du..
das Du spricht vom Schwimmen, was durchaus in einem übertragenen Sinne verständlich ist. Ab dann wird es schwierig, diese Lesart aufrecht zu erhalten, allerdings, einen Atemzug lang und tief versunken zu sein ist so gesehen real auch nicht möglich. So schnell kann niemand sinken!

Vielleicht regt es ja an oder ich spinne

FG,

Cipro
Überblick

Zitat von »King Lear«

Aus nichts kann nichts entstehen: sprich noch einmal

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