Thursday, May 24th 2012, 12:21am UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

1

Monday, June 4th 2007, 4:08am

Regenlied

Regenlied

Synchron bewegte Atemluft,
getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft,
lässt leise singend Töne fühlen.

Verliebt weht sie in mein Gesicht,
spielt zärtlich mit der Wangenröte
und tänzelt dort wie Kerzenlicht
zu Klängen aus der Zauberflöte.

Sie ist der Mozart meiner Nacht,
wenn ich nur ihre Stimme höre,
wie windgeboren, warm und sacht.
Als wenn ich mich in ihr verlöre:

Sie zieht mich stürmisch in den Bann,
ich wehr' mich längst nicht mehr, ich lege
mich in ihren Hauch und kann
so Wildtier sein im Hörgehege:

Gefangener aus freien Stücken,
am Klang gefesselt, angebunden,
bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken -
ich habe wohl mein Glück gefunden.


RPK 040607
Sammelsurium: Werkesammlung


kleiner_goethe

Unregistered

2

Monday, June 4th 2007, 8:03am

RE: Regenlied

HMM hörst du in letzter Zeit viel Musik? und versuchst immer wieder^^
"mit Wassermolekülen " ins neue Zeitalter zu gehen^^... deine moderne Art finde ich hier eigendlich unpassend...nach dem 2 Mal als ich es gelesen habe, stellte ich mir aufeinmal diese Moleküle wie kleine Perlen da,,,und dan gefiel es mir. Deine Wortverflechtungen finde ich schön, die Bilder kannn ich mir gut vorstellen, und das geschmeidige "Streaming" also was du mir sagtest, hat super FUnktioniert :]. Ja das hat was....

Also aufjedem fall lesenswert!

Thx

MFG Mg

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

3

Monday, June 4th 2007, 8:26am

RE: Regenlied

Hallo Mg,

Quoted

Original von kleiner_goethe
HMM hörst du in letzter Zeit viel Musik?
Joa, wobei es beim Schreiben dieses Gedichtes weniger Mozart als "Iron Maiden - These Colours don't run" auf Repeat war :D

Quoted

deine moderne Art finde ich hier eigendlich unpassend
Mhh - ich mag meine Moleküle hier ;) - die bleiben.

Quoted

...nach dem 2 Mal als ich es gelesen habe, stellte ich mir aufeinmal diese Moleküle wie kleine Perlen da,,,und dan gefiel es mir.
Na bitte :]

Quoted

Deine Wortverflechtungen finde ich schön, die Bilder kannn ich mir gut vorstellen, und das geschmeidige "Streaming" hat super FUnktioniert :]. Ja das hat was....
Streaming - zwar ein oller Anglizismus, aber das trifft es, nach jeder Strophe steht ein (echter oder gedachter) Doppelpunkt und führt eine Stufe weiter. So sollte das, jaaha. :)

Quoted

Also aufjedem fall lesenswert!
Danke.

LG Roland
Sammelsurium: Werkesammlung


Rune

Professional

Date of registration: Jun 8th 2006

Posts: 173 wcf.user.activityPoints: 1,025

Location: aus einem unbekannten Land.... vor gar nicht allzu langer Zeit

Occupation: Azubi

4

Monday, June 4th 2007, 11:08am

*anstreng*

Moin, Roland!

Bleibt mir doch als erstes nur ein *seuftz*.

Erst beim dritten lesen, hab ich mich an den Titel erinnert. Ich schätze mal, auf Grund der Kategorie: es handelt sich um eine Liebeserklärung an den Regen, die ich bitte sofort unterschreiben möchte.

Du hast so wunderbare Bilder verwendet, in denen ich alle facetten des Regens sehe, aber nicht nur die, kann man deine Zeilen durchaus auch, stellenweise jedenfalls, auf eine Frau beziehen. Weiblicher Regen... :D meiner ist männlich. :P

Besonders bezaubernd finde ich den Abschluss in der letzten Strophe: das "Tropfenplücken" > herrlich!!! Es hat das Hörgehege nur knapp geschlagen, aber es hat. Auf jeden Fall könnte ich mich darin verlieren.

Habe aber auch etwas auszusetzen. 4. Strophe, 2. Zeile: lieber Herr Roland, die scheint mir doch ein wenig zu läng, bezogen auf den Lesefluss und der gleichen. Es holpert. Ich musste sie beim ersten lesen zweimal lesen, weil ich aus der Bahn gefolgen bin.

Aber ich freu mich auf den nächsten Schauer, mit deinen Zeilen im Gedächtnis.

Gruß, Rune
"Wie verächtlich gehen die Herrscher über Worte hinweg, die den Krieg verdammen, wie gelangweilt die Intellektuellen, weil diese Worte weder originell noch neu sind. Aber sie werden gelten, solange wir Kriege führen.
[...] Keine Zwerge auf den Schulter von Riesen werden wir sein, sondern ein Volk von Riesen, die einander viel zu schnell über den Kopf wachsen- aber wenn es drauf ankommt, schlagen wir einander den Schädel ein wie in den dunklen Zeitaltern."

Frank Schätzing >Tod und Teufel<

Rutschka

Trainee

Date of registration: May 11th 2007

Posts: 13 wcf.user.activityPoints: 75

5

Monday, June 4th 2007, 7:14pm

So ich denke es wird mal Zeit, dass ich ein wenig mehr Aufwand betreibe und da kommt mir ein solches Werk gerade recht.

Formal haben wir es mit klassischen Vierzeilern im vierhebigen Jambus zu tun. Kadenz wechselnd.
Ein Kreutzreim, der im übrigen hier und da wirklich wundervoll originell ist, rundet die solide Form ab.
Man darf hier schon einmal vermuten das wir es mit einem bilddichten, Sprachorientierten Werk zu tun haben, da die Form betont klassisch gehalten wird, was oft die Funktion hat den Inhalt zu betonen, selbst aber nicht sonderlich abzulenken. Wir werden sehen ob dies hier sinnvoll gewählt wurde.

Gehen wir zu Inhalt und Sprache über.

Der Titel „ Regenlied“ verbunden mit der Kategorie Liebe deutet an das Wir es mit einem Naturliebesgedicht zu tun haben. Ob hier die Natur verherrlicht wird, oder ein Mensch durch die Naturmetapher bleibt erst einmal offen.

1. Strophe:


Quoted

Synchron bewegte Atemluft,
getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft,
lässt leise singend Töne fühlen.


Die erste Strophe führt das vermeintliche und im Späteren bestätigte Ziel der Bewunderung ein. Ein Lyrisches Ich tritt noch nicht auf, das Verb fühlen in der letzten Zeile aber deutet dieses dann doch an.
Anfänglich geht es hier explizit um die Atemluft. Hier kommen gleich Probleme auf welche ich später genauer ansprechen möchte.
Erst mal aber thematisiert die erste Strophe, das Atmen feuchter Luft, wodurch wir unser Lyrisches Ich wieder indirekt haben.
Hier ergeben sich für mich ein paar Probleme:

Quoted


Synchron bewegte Atemluft
.
Mir ist nicht ganz klar warum es von solcher Wichtigkeit ist dieses Synchron hervorzuheben. Synchron zu was? Zu den Lungenflügeln? Zum Wind?
Hier fehlt der Atemluft ein Antipot, um der Zeile eine Nötigkeit zu verschaffen.

Quoted

getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft
Hier haben wir eigentlich etwas doppeltgemoppeltes.
Einmal sachlich beschrieben, einmal romantisch verklärt.
Daher kommt wie ich denke auch Goethes Unbehagen.
Die Zeilen beißen sich. Wahrscheinlich bewusst und das ist dann auch Geschmackssache, eine Variante der Aussage hätte mir aber völlig gereicht.

Quoted

lässt leise singend Töne fühlen.
Die Zeile gefällt mir sehr, sehr gut. Ein schönes Bild für eine pfeifende Lunge.

Quoted

Verliebt weht sie in mein Gesicht,
spielt zärtlich mit der Wangenröte
und tänzelt dort wie Kerzenlicht
zu Klängen aus der Zauberflöte.

So hier haben wir jetzt das Problem was ich andeutete.
Die erste Zeile beschreibt die Wirkung der Luft in der Lunge, die Zweite auf dem Gesicht. Das Problem ist, dass du die Luft als „ Atemluft“ eingegrenzt hast und diese nennt man nur so in ihrer Funktion als geatmete Luft. Sie kann auch nicht als Pars pro toto für die Luft an sich gesehen werden, weil es kein Teil ist, sondern ein Sonderbegriff für eine ganz spezielle Funktion der Luft. In dieser Funktion aber weht sie nicht über das Gesicht. Sie wird ausschließlich geatmet.
Du tätest also klüger daran einen allgemeineren Begriff wie etwa „ Luft“ an sich am Anfang zu etablieren, weil sonst das Bild nicht mehr vollständig korrekt ist und man sich in den Folgeversen mehr und mehr darüber ärgert welche Kunststücke der Atemluft da fälschlicher Weise zugesprochen werden. Sehen wir nun darüber hinweg und schauen weiter:


Quoted

Verliebt weht sie in mein Gesicht,
spielt zärtlich mit der Wangenröte


Hier wird die Luft nun zum ersten mal personifiziert. Das funktioniert gut und macht die Zeilen dynamischer und erotischer.

Quoted

und tänzelt dort wie Kerzenlicht


Das ist wieder so eine Wendung die gut gemeint ist, durch ihre Unklarheit aber das Bild verwässert.
Es ist einfach so, dass Kerzenlicht nicht tänzelt. Tänzelndes Kerzenlicht ist eine Personifizierung. An sich kein Problem, aber du stellst hier einen Vergleich an. Die Luft tänzelt wie das Kerzenlicht. Das macht keinen Sinn da Kerzenlicht eben nicht tänzelt, sondern flackert.
Es ist nicht ratsam eine Metapher mit einer Personifizierung mittels eines Vergleiches zu erläutern.

Quoted

zu Klängen aus der Zauberflöte.

Woher die Zauberflöte jetzt kommt ist mir unklar. Wahrscheinlich ist, dass sie entweder schlicht und einfach vom lyrischen Ich gehört wird, oder wir es hier mit einem Verweiß auf das Lungenpfeifen der letzten Strophe zu tun haben.
Klar wird es nicht, ist aber nicht schlimm, sondern vielmehr spannend

Strophe 3.

Quoted

Sie ist der Mozart meiner Nacht,
wenn ich nur ihre Stimme höre,
wie windgeboren, warm und sacht.
Als wenn ich mich in ihr verlöre:

Das Zauberflötenbild wird nun weitergesponnen und auch etwas klarer.
Die Stimme der Luft, das ist klar der Wind und so liegt es nahe die Musik als Metapher für das Rauschen des Windes zu sehen.
Das ist im Prinzip dann auch schon die Aussage der 3 Strophe die weit aus weniger Dicht daherkommt als die Vorgänger. Hier wird letztlich einfach die Umhüllung der Sinne ( vor allem das Hören) durch den Wind beschrieben. Auffällig ist, das die Bildkette hier viel weniger Sprunghaft ist als zuvor, sondern reichlich linear und klar daher kommt.
Erfrischend, denn der Bildersturm der vorherigen Strophen begann doch langsam zu viel zu werden.



Quoted

Sie zieht mich stürmisch in den Bann,
ich wehr' mich längst nicht mehr, ich lege
mich in ihren Hauch und kann
so Wildtier sein im Hörgehege:
Die vierte Strophe knüpft an dieses Umhüllt sein an und mischt dem Eindruck eine klarere Erotik bei.
Interessant ist die Dynamik die hier aufgebaut wird durch Adjektive wie stürmisch und dem Substantiv Wildtier, das eine Instinkthaftigkeit unterstellt.

Etwas unklar ist mir allerdings der Widerspruch von stürmisch in der ersten Zeile und „ Hauch“ in der Dritten.
Ein stürmischer Hauch will mir einfach semantisch gar nicht behagen, weil Hauch, klar etwas sanftes und gefühlvolles impliziert.

Das Hörgehege gefällt mir auch nicht, weil es den Schwerpunkt einzig auf das Geräusch legt. Klar ist hier der Klang des Windes zentral, in Strophe 1 und 2 aber hatten wir die Dimension des Fühlens ebenso stark und dieser sollte hier auch wieder Rechnung getragen werden, oder man sollte zumindest nicht davon abgehalten werden sie mit ein zu beziehen.
Das Bild eines Menschen, der mit ausgebreiteten Armen im Regen steht und sich gänzlich vom Regen übermannen lässt, wird gestört, wenn man sich nur auf Geräusche bezieht, und das wäre eine unnötige Einengung.


Quoted

Gefangener aus freien Stücken,
am Klang gefesselt, angebunden,
bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken -
ich habe wohl mein Glück gefunden.

Die letzte Strophe erscheint mir daher auch einigermaßen unnötig. Sie fasst zusammen was eh jedem klar war und beschneidet die Dimension des Bildes unnötig.
Manchmal ist es ratsam gewisse Dinge nicht zu sagen und sie der Phantasie des Lesers zu überlassen. Hinzu kommt das hier kein Aspekt angesprochen wird der zuvor nicht schon mindestens zwischen den Zeilen mitgeschwungen hätte

Ich zeige das mal auf:

Quoted

Gefangener aus freien Stücken,
Impliziert in S4z4


Quoted

am Klang gefesselt, angebunden
,
impliziert und synonym in s4z2-4

Quoted

bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken
-
synonym in s1 z2-3

Quoted

ich habe wohl mein Glück gefunden
.
Logisches Fazit und impliziert im kompletten Gedicht sowie explizit ins4z2-3 sowie impliziert in s3z4

Strophe Fünf ist, so gesehen, nicht notwendig und daher auch störend. Ein Ende sollte entweder offen oder abrundend sein. Hier wird aber nicht abgerundet, weil alles zuvor schon so rund war wie danach.

Es lässt sich sagen, dass dir hier ein sehr gefühlvolles, sprachlich ausgearbeitetes Werk gelungen ist, welches vor allem durch die Wahrhaftigkeit besticht die es ausstrahlt. Soll heißen, man glaubt dem lyrischen Ich seine aufrichtige Leidenschaft.
Das ist das A und O eines guten Gedichtes, nach meiner Auffassung. Es muss schlüssig und ehrlich sein und vor allem etwas zu sagen haben.
Einzig in Semantischen Spitzfindigkeiten findet man hier ein paar Mängel, die aber mit Leichtigkeit und ein wenig Aufmerksamkeit ausgemerzt werden können. Man gewinnt gerade durch diese leichten Schwächend en Eindruck, dass du sehr leidenschaftlich schreibst. Ein wenig, wenig mehr Kontrolle und du hast einen neuen Fan
Danke fürs Lesen
Rutschka

Ralph

Intermediate

Date of registration: Jan 2nd 2007

Posts: 128 wcf.user.activityPoints: 820

Location: Mosbach (BaWü)

6

Tuesday, June 5th 2007, 1:10am

RE: Regenlied

Hallo Roland,

nun doch noch zu später Stund', auch wenn der Tag gezehret ;-)

Bevor ich zum "Regenlied" komme, möchte ich noch einen kurzen Rückblick auf Dein "Augenblick" wagen, in aller Bescheidenheit.
Da ich -wie Du selbst gesagt- in beiden Gedichten eine gewisse "geistige Verwandtschaft" sehe, wollte ich keinen separaten Thread eröffnen.

Bei aller Schönheit des Gedichtes fand ich V2 am schönsten, er besticht durch Einfachheit bei bedachter Wortwahl und einer kühnen Gedankentiefe.
In V2 ereilte mich ein ferner Ruf, während ich über dieser Zeile sinnierte, entweder bewusst von Dir inszeniert oder einfach nur -sagen wir mal- "eingegeben" (ja, ich glaube an einen Genius, der uns durchs Leben geleitet) : Aphrodite, die Schaumgeborene, war gleichfalls eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer.

Nun zum Gedicht "Regenlied".

Quoted

spielt zärtlich mit der Wangenröte

Einfach schön, wie der Hauch die Wange schmeichelt und im heiligen Empfangen errötet.
Oh, jetzt schwärme ich wieder, aber ich weiss nicht, wie ich diese Passage nur annährend mit gleichem Wortzauber beschreiben soll.

Quoted

Sie ist der Mozart meiner Nacht,

Kleiner Transfer zur Kleinen Nachtmusik? Egal auch, Mozart ist die Personifikation musischer Klänge.

Quoted

wie windgeboren, warm und sacht

Auch ich durfte ihn schon oft vernehmen, den melodiösen Säuselwind.

Quoted

Sie zieht mich stürmisch in den Bann,

Stürmisch finde ich hier ein wenig zu forsch zum eben beschriebenen Windstreich und dem in folgenden Versen erwähnten "Hauch".
Hat diese "Himmelsmacht" einen Sturm vonnöten? Mitnichten! Wie das Weib regiert sie allein durch Anmut.

Quoted

ich wehr' mich längst nicht mehr, ich lege
mich in ihren Hauch und kann
so Wildtier sein im Hörgehege:

Ja, was durch sie gebunden, ist gebunden und kann sich nicht erwehren.
Köstlich ist es in ihrem Bezirk des Klanges zu weilen, ätherdurchwoget.
Doch ich rede schon wieder zu viel, STILLE, STILLE, lass uns lauschen ...


Quoted

Gefangener aus freien Stücken,
am Klang gefesselt, angebunden,

Klingt echt gut, lässt aber irgendwie einen verknechteten Geist erahnen ... naja, ich würde es aber lassen.

Quoted

bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken -
ich habe wohl mein Glück gefunden.

Durchnässt ... durchtränkt vom seligen Schauer ... ein gelungener Ausklang.


Es gibt einige Gedichte auf GF, die meine bisherigen Vorstellungen von Lyrik wanken lassen und ich in einen "kognitiven Konflikt" gerade.
Lyrik meint nicht unbedingt altbackenen Wortschatz, auch nicht Formstrenge oder mythische Themenfelder, nein, Lyrik bedient sich oft uns allen vertrauten Wörtern, ändert aber den Blickwinkel, sodass durchaus auch alltagsverschlissene Wörter ganz neue Bedeutungsdimensionen erfahren können, was jetzt aber nicht heißen soll, dass Du oder irgendjemand in GF sich rege der Alltagssprache bedient.
Ich wollte lediglich damit sagen, und was mir zunehmend bewusst wird, dass oft die "Bauklötze" unseres Wortschatzes bei richtiger, sensibler Anwendung pompöse, nie geahnte Turmbauten erstehen lassen können, die weit in den Himmel des semantischen Reiches erwachsen können.

Lieben Gruß,
Ralph

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

7

Wednesday, June 6th 2007, 6:37am

Sooooooooooooooooooooooooooo,

Drei dicke Antworten.

Liebe Rune,

Quoted

*anstreng*
Bleibt mir doch als erstes nur ein *seuftz*.
Ach, wat soll ick denn jetze mit sone anjestrengte Gesicht von Dia. It jeet doch ooch eenfach und ohne Jezeufze, een Jedicht zu vastehn.

Quoted

Erst beim dritten Lesen hab ich mich an den Titel erinnert.
Spääät! 8o

Quoted

es handelt sich um eine Liebeserklärung an den Regen
Ähm - nein. Bzw. auch, aber nicht eigentlich.

Quoted

Du hast so wunderbare Bilder verwendet, in denen ich alle facetten des Regens sehe, aber nicht nur die, kann man deine Zeilen durchaus auch, stellenweise jedenfalls, auf eine Frau beziehen.
Siehe oben, nicht bloß stellenweise

Quoted

Weiblicher Regen... :D meiner ist männlich. :P
:D

Quoted

Besonders bezaubernd finde ich den Abschluss in der letzten Strophe: das "Tropfenplücken" > herrlich!!! Es hat das Hörgehege nur knapp geschlagen, aber es hat. Auf jeden Fall könnte ich mich darin verlieren.
Das freut mich. Ich verwende ja in Gefühlslyrik nicht gerne so überkandidelte kryptische oder gar hermetische Wortungetüme als Metaphern. Lieber male ich mit bekannten und verwandten Worten, die dann im Idealfall Bilder und Klänge ergeben, die dann doch so noch nicht zu sehen waren.

Quoted

Habe aber auch etwas auszusetzen. 4. Strophe, 2. Zeile: lieber Herr Roland, die scheint mir doch ein wenig zu lang, bezogen auf den Lesefluss und der gleichen. Es holpert.
Das wundert mich. OK, wenn Du sagst, es hat bei Dir geholpert, dann kann ich schlecht sagen stimmt nicht. Aber bezüglich des "zu lang" kann ich das sehr wohl:

Quoted

xXxXxXxX Sie zieht mich stürmisch in den Bann,
xXxXxXxXx ich wehr' mich längst nicht mehr, ich lege
_XxXxXxX mich in ihren Hauch und kann
xXxXxXxXx so Wildtier sein im Hörgehege:

S4V2 ist metrisch identisch mit dem korrespondierenden Reimvers 4. Die einzige Abweichung von der "Norm" ist der fehlende Auftakt von V3, und das habe ich gemacht, um das Enjambement flüssig alternierend und nicht mit einer Doppelsenkung durchzuziehen. Das soll so, das muss so, und V2 wirkt einzig deshalb etwas lang, obwohl vierhebig wie alle anderen Verse des Gedichtes, weil er aufgetaktet mit weiblicher Kadenz ist. Aber wie gesagt, das ist V4 auch, und von dem hast Du nicht als zu lang empfunden. ?(

Quoted

Aber ich freu mich auf den nächsten Schauer, mit deinen Zeilen im Gedächtnis.
:)

Danke Dir.
_________________________________________________________

Lieber Rutschka - was für eine detaillierte Kritik!

Quoted

So ich denke es wird mal Zeit, dass ich ein wenig mehr Aufwand betreibe und da kommt mir ein solches Werk gerade recht.
Das ehrt mich, dass Du Dir für diesen Mehraufwand "meins" auserkoren hast.

Quoted

Formal haben wir es mit klassischen Vierzeilern im vierhebigen Jambus zu tun. Kadenz wechselnd.
Ein Kreutzreim, der im übrigen hier und da wirklich wundervoll originell ist, rundet die solide Form ab.
Form: Klassisch. Du kennst mich noch nicht so, aber Du wirst merken, dass ich gerade und sogar ausschließlich nur bei solchen Gefühls-und-Klanggedichte diese "klassische" Form verwende. Und im Humorgedicht auch noch.

Quoted

Man darf hier schon einmal vermuten das wir es mit einem bilddichten, sprachorientierten Werk zu tun haben, da die Form betont klassisch gehalten wird, was oft die Funktion hat den Inhalt zu betonen, selbst aber nicht sonderlich abzulenken. Wir werden sehen ob dies hier sinnvoll gewählt wurde.
Mmmh, das ist mir etwas wirr. Du stellst erst einen Kausalzusammenhang "Sprachorientiert-bilddicht-klassisch" auf, um ihm dann zu widersprechen, indem Du klassisch wiederum mit inhaltsbetonend / nicht inhaltsablenkend verbindest.
Ich ahne zwar, was Du da aussagen willst, aber die Behauptung bzw. Begründung ist für mich - so formuliert - logisch nicht nachvollziehbar.

Quoted

Gehen wir zu Inhalt und Sprache über.
Gerne.

Quoted

Der Titel „ Regenlied“ verbunden mit der Kategorie Liebe deutet an das Wir es mit einem Naturliebesgedicht zu tun haben. Ob hier die Natur verherrlicht wird, oder ein Mensch durch die Naturmetapher bleibt erst einmal offen.
Schön gesehen. Der Titel ist bewusst vielschichtig und offen gewählt, er soll vorerst nur eine assoziative Stimmungslage säen. Ein späterer zweiter Blick auf ihn ist gewollt, das hat Rune ja treffend in der Schilderung ihrer Leseerfahrung beschrieben.

Quoted

1. Strophe:

Zitat:
Synchron bewegte Atemluft,
getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft,
lässt leise singend Töne fühlen.

Quoted

Die erste Strophe führt das vermeintliche und im Späteren bestätigte Ziel der Bewunderung ein.
Mhh, hier noch nicht wirklich erkennbar, meine ich. Hättest Du diese Aussage auch getroffen, ohne die anderen Strophen gelesen zu haben? Ich denke nein.

Quoted

Ein Lyrisches Ich tritt noch nicht auf, das Verb fühlen in der letzten Zeile aber deutet dieses dann doch an.
Auch hierzu würde ich dieselbe Frage stellen. Noch geht es hier "offen" nur um die feuchte, regenduftende Atemluft, sagst Du ja auch selbst.

Quoted

Erst mal aber thematisiert die erste Strophe, das Atmen feuchter Luft, wodurch wir unser Lyrisches Ich wieder indirekt haben.
nein, das lyrische Du.

Quoted

Hier ergeben sich für mich ein paar Probleme:

Zitat:
Synchron bewegte Atemluft

Quoted

Mir ist nicht ganz klar warum es von solcher Wichtigkeit ist dieses Synchron hervorzuheben.
Weil es hier um etwas geht, das "synchron zueinander" ist. Und - es schwingt. ;)

Quoted

Synchron zu was? Zu den Lungenflügeln? Zum Wind?
zu sich selbst, LyrDu, LyrIch. Damit hast Du auch Deine Antipoden.

Quoted

Zitat:
getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft
Hier haben wir eigentlich etwas doppeltgemoppeltes.
Einmal sachlich beschrieben, einmal romantisch verklärt.
Ja, das war mir beim Schreiben auch bewusst. Das "nass belegt" ist aber schon weniger eine Bekräftigung der Getränktheit, sondern beschreibt, wie der Duft ist. Ich denke, das Problem ist schlicht das "und", das ist nämlich nachträglich aus metrischen Gründen eingefügt. Fehlt es, wird klarer, dass sich das "nass belegt mit Regenduft" im weiteren Sinne auf die Atemluft aus V1 und im engeren Sinne zugleich auf deren bereits beschriebene Eigenschaft bezieht, nämlich dass die Wassermoleküle (die ja unsichtbar in warmer feuchter Luft sind) mit Duft belegt sind. Das "nass" ist nur ein Ausdruck des Grades. Es ist mehr als nur ein bisschen feuchter Duft, es ist satter, nasser Duft. Zudem gefiel mir der klangliche Effekt von Wasser/nass.
Soll ich das "und" herausnehmen?

Quoted

Zitat:
lässt leise singend Töne fühlen.
Die Zeile gefällt mir sehr, sehr gut.
Das hört sich gut an, aber da:

Quoted

Ein schönes Bild für eine pfeifende Lunge.
klappte mir dann die Kinnlade herunter. Das wollte ich nun echt nicht abbilden. Das Motiv ist viel weniger Konkret. Wenn ich jetzt sage, dass da am Anfang sogar "Abendluft" als viel weitere Metapher stand, dann wirst Du mein Entsetzen über die "pfeifende Lunge" vielleicht verstehen können :D

Quoted

Zitat:
Verliebt weht sie in mein Gesicht,
spielt zärtlich mit der Wangenröte
und tänzelt dort wie Kerzenlicht
zu Klängen aus der Zauberflöte.


Quoted

Die erste Zeile beschreibt die Wirkung der Luft in der Lunge
?( Wie kommst Du denn daaarauf? Ausgeatmet, extern ja. Aber nicht "Wirkung der Luft in der Lunge". Das steht da doch gar nicht drin in dem Vers, meine ich.

Quoted

Das Problem ist, dass du die Luft als „ Atemluft“ eingegrenzt hast und diese nennt man nur so in ihrer Funktion als geatmete Luft.
Ich versteh', was Du meinst. Aber das ist kein Wikipedia-Artikel, das ist ein Gedicht. Die "Atemluft" ist hier doppelt besetzt, als die "Luft zum Atmen", die leben lässt, und als Atem, als (aus-)geatmete Luft. Hast Du noch nie Atem auf Deiner Haut gespürt? Doch. Und wenn Du so verrückt danach bist, das zu spüren, wie das arg emotionale LyrIch hier, dann ist es schnell auch gefühlsmäßig benötigt wie die Luft zum Atmen. Da hast Du die Metapher "Atemluft", so wie Du sie (zu) technisch-ausschließlich verstehst. Das ist hier also eine Diskussion enge Bildlogik kontra lyrische Doppeldeutigkeit.

Quoted

Du tätest also klüger daran einen allgemeineren Begriff wie etwa „ Luft“ an sich am Anfang zu etablieren, weil sonst das Bild nicht mehr vollständig korrekt ist
Wie gesagt, das gab es ganz zu Anfang. Da stand "Abendluft", und die hatte mir aber zu wenig menschlichen Bezug und war mir als Metapher für das gespürte LyrDu zu weit ab vom Schuss. Ich war eigentlich äußerst glücklich, als ich dann auf die Atemluft gestoßen bin und hatte ein Heureka-Gefühl diesbezüglich.

Quoted

Zitat:
Verliebt weht sie in mein Gesicht,
spielt zärtlich mit der Wangenröte


Quoted

Hier wird die Luft nun zum ersten mal personifiziert. Das funktioniert gut und macht die Zeilen dynamischer und erotischer.
Ja, wobei sie die ganze Zeit halb personifiziert ist, aber als Spüren und Wahrnehmen, gefühlt (Regen, Nässe), gerochen (Duft), gehört (Stimme). Das alles ist nicht scharf getrennt, kein Konglomerat, sondern Empfindungsfacetten eines Ganzen.

Quoted

Zitat:
und tänzelt dort wie Kerzenlicht

Das ist wieder so eine Wendung die gut gemeint ist, durch ihre Unklarheit aber das Bild verwässert.
Es ist einfach so, dass Kerzenlicht nicht tänzelt.
Ich finde doch. Flackern "eigentlich", ja, aber wenn Du Flackern verspielt wahrnimmst, dann ist es tänzeln. Ich mache keine Beschreibung physikalischer Eigenschaften, sondern Gefühlslyrik. Und wenn ein Flackern durch das verklärt-verträumte LyrIch als Tänzeln empfunden wird, dann tänzelt es und flackert nicht. Und die Luft, in dem Fall wieder mehr die Atemluft als die ausgeatmete Luft, die vom lyrDu das LyrIch erreicht, die spielt hier verrückt, sie scheint nicht mehr profan nach den physikalischen Gesetzen zu strömen und fertig, nein, sie spielt mit Wangenröte, sie führt einen kleinen Tanz auf, halbchaotisch tänzelnd, nicht richtungslos flackernd. Da kribbelt etwas und wird unerklärlich aktiv im Empfinden des LyrIch. Diese Luft lebt, ja personifiziert insofern.

Quoted

Zitat:
zu Klängen aus der Zauberflöte.

Woher die Zauberflöte jetzt kommt ist mir unklar.
Tja. Überraschung. Die Luft trägt auch den Klang der Stimme des LyrDu. Jetzt könntest Du wieder sagen Atem luft ist still, rauscht höchstens. Aber es ist eben eine Metapher mit engen und weiten Bedeutungskreisen. Hier gilt vom "Zugang" zu Stimmung eine Art Friss oder stirb: Dein Problem ist, dass Du den Traumcharakter der Wahrnehmungen nicht als solchen frei und weit aufnimmst, sondern bretthart Semantik, Logik und Standard-Begriffsbelegungen in Ansatz bringst. Träumerische und auch seltsam unwirkliche Erscheinungen fragen aber nicht nach "eigentlich müsste aber doch" und "normalerweise geht doch sowas nicht".
Formell wird hier die folgende Strophe eingeläutet. Eine Stufe weiter. Ich mache gerne Verknüpfungen durch "semantische Enjambements" über Strophengrenzen hinweg. :]

Quoted

Strophe 3.

Zitat:
Sie ist der Mozart meiner Nacht,
wenn ich nur ihre Stimme höre,
wie windgeboren, warm und sacht.
Als wenn ich mich in ihr verlöre:


Quoted

Das Zauberflötenbild wird nun weitergesponnen und auch etwas klarer.
Die Stimme der Luft, das ist klar der Wind und so liegt es nahe die Musik als Metapher für das Rauschen des Windes zu sehen.
Das ist die Stimme des LyrDu, weil auch die "Luft" das LyrDu ist..

Quoted

Das ist im Prinzip dann auch schon die Aussage der 3 Strophe die weit aus weniger Dicht daherkommt als die Vorgänger.
Ja dem kann ich zustimmen. Deinen Folgeeindruck:

Quoted

Auffällig ist, das die Bildkette hier viel weniger Sprunghaft ist als zuvor, sondern reichlich linear und klar daher kommt.
Erfrischend, denn der Bildersturm der vorherigen Strophen begann doch langsam zu viel zu werden.
...kann ich Dir vielleicht aus meiner Sicht ganz gut erklären. Der Eindruck eines gegenüber den vorigen Strophen "leichteren" Charakters liegt daran, dass zuvor bildreich Empfindungen beschrieben wurden, und nun das LyrIch selbst gewissermaßen in direkter Rede diese bewertet und äußert. Es ist eine Liebes"erklärung" des LyrIch im Sinne einer Erklärung, wie und wie sehr es liebt. Dieser niedliche Fratz von LyrIch ist nämlich von der Stimme (wie oben gesagt ein luftgetragenes Element hier) des LyrDu hin und weg und posaunt das grad mal in die Welt hinaus. Das Gedicht heißt nicht umsonst RegenLIED! ;)
Das setzt sich weiter fort:

Quoted

Zitat:
Sie zieht mich stürmisch in den Bann,
ich wehr' mich längst nicht mehr, ich lege
mich in ihren Hauch und kann
so Wildtier sein im Hörgehege:


Quoted

Die vierte Strophe knüpft an dieses Umhüllt sein an und mischt dem Eindruck eine klarere Erotik bei.
Ja.

Quoted

Interessant ist die Dynamik die hier aufgebaut wird durch Adjektive wie stürmisch und dem Substantiv Wildtier, das eine Instinkthaftigkeit unterstellt.
Wehrlos übermannt wie ein Tier in Gefangenschaft.

Quoted

Etwas unklar ist mir allerdings der Widerspruch von stürmisch in der ersten Zeile und „Hauch“ in der Dritten.
Ein stürmischer Hauch will mir einfach semantisch gar nicht behagen, weil Hauch, klar etwas sanftes und gefühlvolles impliziert.
Das hab ich gewusst, dass das kommt :D Es ist eben nicht pauschal heftig oder pauschal sanft, es ist beides, und gerade die Sanftheit des Hauches erobert das LyrIch "im Sturm". Außerdem findet dawzischen ein Bruch statt, nach dem eher bedrohlich anmutenden "stürmisch in den Bann-Ziehen" kommt die resignative Aufgabe, gegen diesen bannenden Sturm noch jedwede "Gegenwehr" zu leisten, und so akzeptiert, stellt sich auch Wohlfühlen und Anschmiegen ein. Etwas hin- und hergerissen von Wildheit und Zärtlichkeit, das Resultat steht dann im letzten Vers der Strophe...

Quoted

Das Hörgehege gefällt mir auch nicht, weil es den Schwerpunkt einzig auf das Geräusch legt. Klar ist hier der Klang des Windes zentral, in Strophe 1 und 2 aber hatten wir die Dimension des Fühlens ebenso stark und dieser sollte hier auch wieder Rechnung getragen werden, oder man sollte zumindest nicht davon abgehalten werden sie mit ein zu beziehen.
Das hatte ich von der Struktur des Gedichtes her schon oben erläutert, warum das so ist und nicht erneut in die Fühlensbeschreibung zurückgeht.

Quoted

Das Bild eines Menschen, der mit ausgebreiteten Armen im Regen steht und sich gänzlich vom Regen übermannen lässt, wird gestört, wenn man sich nur auf Geräusche bezieht, und das wäre eine unnötige Einengung.
Es ist umgekehrt. In S1V4 wird doch überdeutlich angerissen, wohin die Reise geht, und es wird immer stärker beTONT, wie zentral die Stimme, "Klang in feuchter Atemluft" im Blickpunkt steht. Der Regen ist ein ganz anderer Bedeutungsträger, er steht für den Prozess des Einflusses, erst unsichtbare Moleküle, dann nasser Duft, schließlich erntet das LyrIch ganze Tropfen, so viele, dass es durchnässt ist.

Quoted


Zitat:
Gefangener aus freien Stücken,
am Klang gefesselt, angebunden,
bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken -
ich habe wohl mein Glück gefunden.


Quoted

Die letzte Strophe erscheint mir daher auch einigermaßen unnötig.
Auf keinen Fall. Na klar "fasst sie zusammen", aber sie iszt nunmal das verdammte Finale, das Endbild. Suche mal in der klassischen Lyrik, da wirst Du das so gut wie immer so finden. Es ist sicher diskutabel, ob man das Gedicht rund machen muss oder sollte, oder es offen stehen lässt und der Phantasie des Lesers überlässt. Dashier ist aber wie ein Erzählgedicht angelegt, die letzten Strophen spricht das LyrIch über seine Geschichte und in der letzten Strohe zieht es daraus ein Fazit und seine Bewertung. Sicher ist das auch zusammenfassend und aufgreifend. Deine ganzen Implizierungsnachweise sind daher nicht nötig, weil mir voll bewusst. Deiner Behauptung:

Quoted

Strophe Fünf ist, so gesehen, nicht notwendig und daher auch störend.
...widerspreche ich dennoch vehement.

Quoted

Ein Ende sollte entweder offen oder abrundend sein. Hier wird aber nicht abgerundet, weil alles zuvor schon so rund war wie danach.
Jede Livereportage liefert am Schluss ein Resumé des Geschehenen. Und das LyrIch berichtet über sich. Ich meine, man kann die S5 nicht streichen, ohne dem Gedicht etwas wegzunehmen, Deine Argumente bezüglich "eigentlich schon gesagt" sind für mich nicht so offenkundig durchschlagend, zumindest was die letzten beiden Verse angeht. Für mich schließt erst diese Strophe den Kreis, und durchnässt / Tropfenpflücken ist eben NICHT bereits woanders enthalten, und auch nicht die Wertung im letzten Vers.

Quoted

Es lässt sich sagen, dass dir hier ein sehr gefühlvolles, sprachlich ausgearbeitetes Werk gelungen ist, welches vor allem durch die Wahrhaftigkeit besticht die es ausstrahlt. Soll heißen, man glaubt dem lyrischen Ich seine aufrichtige Leidenschaft.
Das ist ein dickes Kompliment, danke. :]

Quoted

Einzig in semantischen Spitzfindigkeiten findet man hier ein paar Mängel,
Eben, mir ist es in weiten Strecken einfach zu spitzfindig, zu standardisierte Begriffslogik zu grunde legend, wie Du an den Text rangehst. Deine Genauigkeit ist bestechend, das ist absolut bemerkenswert, und Dein Kommentar ist einer der qualitativ besten, die ich je gelesen habe. Mein Gegenargument ist, dass das ein Gedicht geschrieben zum darin Abtauchen ist, und nicht zum darauf Herumreiten, indem man es technokratisch seziert, anstatt ihm die Atemluft :D und seine offenen, verklärt-weichen Konturen zu lassen.
Deine Empfehlung, diese "Fehler auszumerzen", werde ich daher seeehr vorsichtig in Erwägung ziehen. Ich habe echte Bedenken, es eher zu verhunzen, als zu verbessern. Eben weil dann einiges von der Leidenschaftlichlichkeit draufgehen könnte, die da drinsteckt. "Kontrolle" in einem Gedicht über verliebt-verklärten Kontrollverlust eben. Ob das so gut ist? Ich schau es mir in jedem Fall an und kann mir eine neue Fassung durchaus vorstellen. Aber keine Komplettumsetzung aller Hinweise auf vielleicht nur vordergründig und aufgrund Deiner Auffassung von lyrischer Bildlogik und Semantik als Mankos erscheinender Stellen.

Ich danke Dir für Deine hervorragende Kritik, die hat mich wirklich begeistert!
_________________________________________________________

Lieber Ralph,

danke für Deinen Original-Ralph-Kommentar. :]

Es wäre doch besser, wenn Du Worte zu einem anderen Text dort postest, ich mag eigentlich nicht hier einen anderen Text diskutieren als den, der hier (alleiniges) Thema ist. Vielleicht setzt Du es doch "drüben" rein, einen eigenen Beitrag ist das wohl allemal wert.

Quoted

Einfach schön, wie der Hauch die Wange schmeichelt und im heiligen Empfangen errötet.
Oh, jetzt schwärme ich wieder, aber ich weiss nicht, wie ich diese Passage nur annährend mit gleichem Wortzauber beschreiben soll.
*kringel* - Was soll ich darauf antworten? Typisch Ralph halt :D.

Quoted

Zitat:
Sie ist der Mozart meiner Nacht,

Kleiner Transfer zur Kleinen Nachtmusik? Egal auch, Mozart ist die Personifikation musischer Klänge.
Mmmh nee, so konkret hatte ich das nicht im Sinn, schon Deine zweite Auslegung.

Quoted

Zitat:
Sie zieht mich stürmisch in den Bann,

Stürmisch finde ich hier ein wenig zu forsch zum eben beschriebenen Windstreich und dem in folgenden Versen erwähnten "Hauch".
Hat diese "Himmelsmacht" einen Sturm vonnöten? Mitnichten! Wie das Weib regiert sie allein durch Anmut.
Da mag ich gerne auf oben verweisen, das ist schon zur Kritik Deines Vorgängers "besprochen".


Quoted

Ja, was durch sie gebunden, ist gebunden und kann sich nicht erwehren.
Köstlich ist es in ihrem Bezirk des Klanges zu weilen
Das trifft des Pudels... Du weißt schon.

Quoted

ätherdurchwoget.
Pffff, muahahahaha :D

Quoted

Zitat:
Gefangener aus freien Stücken,
am Klang gefesselt, angebunden,


Klingt echt gut, lässt aber irgendwie einen verknechteten Geist erahnen ... naja, ich würde es aber lassen.
Verknechtet - mmh eher gezähmt, gefesselt durch Umgarnung (ach das gefällt mir - kann man das nicht in den Text einbauen? ?( y) ).

Quoted

Zitat:
bin ich durchnässt vom Tropfenpflücken -
ich habe wohl mein Glück gefunden.


Durchnässt ... durchtränkt vom seligen Schauer ... ein gelungener Ausklang.
Ach ja, so verschieden sind die Eindrücke. Gelungener Ausklang contra schädlicher, überflüssiger Kropf. ?(


Quoted

Es gibt einige Gedichte auf GF, die meine bisherigen Vorstellungen von Lyrik wanken lassen und ich in einen "kognitiven Konflikt" gerade.
Lyrik meint nicht unbedingt altbackenen Wortschatz, auch nicht Formstrenge oder mythische Themenfelder, nein, Lyrik bedient sich oft uns allen vertrauten Wörtern, ändert aber den Blickwinkel, sodass durchaus auch alltagsverschlissene Wörter ganz neue Bedeutungsdimensionen erfahren können, was jetzt aber nicht heißen soll, dass Du oder irgendjemand in GF sich rege der Alltagssprache bedient.
Ich wollte lediglich damit sagen, und was mir zunehmend bewusst wird, dass oft die "Bauklötze" unseres Wortschatzes bei richtiger, sensibler Anwendung pompöse, nie geahnte Turmbauten erstehen lassen können, die weit in den Himmel des semantischen Reiches erwachsen können.
Lol - das ist Stoff für einen eigenen Diskussionsfaden - ich lass das mal so stehen ;)

Danke Ralph,
danke Euch dreien noch einmal für so viel Stoff, dass dies der wohl längste Antwortpost ist, den ich bisher hier im Forum geschrieben habe.
Das macht wirklich Freude.

Liebe Grüße
AE
Sammelsurium: Werkesammlung


Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

Posts: 727 wcf.user.activityPoints: 4,605

Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

8

Wednesday, June 6th 2007, 1:37pm

Quoted

Original von aNFANGENDe
getränkt mit Wassermolekülen
und nass belegt mit Regenduft

...
Ich denke, das Problem ist schlich das "und", das ist nämlich nachträglich aus metrischen Gründen eingefügt. ... Soll ich das "und" herausnehmen?

Ja.
Roland, die einzige Stelle, die mich störte in Deinem durchweg zauberhaften Gedicht (zudem nach den obigen Kommentaren kaum etwas zu sagen bleibt) - also die einzige Stelle war der abgeknappste Auftakt Str. 4, Z. 3 (das ist wohl auch der Stolperer von Rune).
Klar, Du wolltest das Enjambement bruch- und stauungslos durchfließen lassen ... das ist ersichtlich.
Aber in der sooo stringent konsequent durchgehaltenen Form, in dem es ansonsten kein Jota der Abweichung oder metrischen Ungenauigkeit gibt, fällt das einfach als Abweichung auf.
Wenn Du nun hier eine Stelle hast, die es sogar inhaltlich ermöglichen - oder sogar nahelegen würde, einen Auftakt wegzulassen, dann ist der störende "Sensationscharakter" der anderen Stelle nicht mehr so groß - - bzw. weg.
Dann ist es eine - zwar seltene - aber eine der existierenden Möglichkeiten.
(Du könntest sogar überlegen, in Str. 2, Z. 3 das "und" wegzulassen - - es wäre dann immer die dritte Zeile!)
So, wie Du die "nass belegt" Stelle erklärst, liest man sie zwingend - wenn das "und" weg ist! ;)

Quoted

... das ist kein Wikipedia- Artikel, das ist ein Gedicht.

*looooool* :D :D

Die von Ralph auch angesprochene "stürmisch"/"Hauch"-Diskrepanz fühle ich auch nach Deiner Erklärung immer noch ein bißchen. Logisch hast Du da ja alles zurechtgerückt - aber die Konnotationen gehen eben auch über die Logik hinaus. Aber das ist kein wirklicher Störungspunkt ...


Die logisch so stringente und konzise Argumentation von Rutschka in allen Ehren - aber man wird doch nicht allen Ernstes das Streichen der letzten Strophe anraten wollen???? 8o
Selbst wenn diese inhaltlich nichts Neues bringen würde (was sie mE aber tut ;)), bringt sie doch sprachlich so Wertvolles, Neues, dass sie ESSENTIELL ist!


Wieder einer Deiner Schlüsse, Roland! ;)
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

wcf.user.socialbookmarks.titel