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Odradek

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Occupation: (Un-)Sinnspule

1

Wednesday, May 30th 2007, 3:49am

Bahnhof

.


Rote Rücklichter
zwischen Zypressen und Zwergwacholder
Rubinschein
auf Chrysanthemen und Christrosen
Schatten
gemeißelter Steine

Abfahrt!

Heide-
kraut leise im Nachwind


Seltsam:
die in den Zügen
die, deren roten Rücklichtern wir nachschauen
die sind schon dort

wir am Bahnsteig
wir sind noch unterwegs,



den Fahrschein schon in der Hand


.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

hera dam

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2

Wednesday, May 30th 2007, 10:19am

RE: Bahnhof

Hallo Odradek

ich zitterte beim anticken deines Gedichtes. Das nackte "Bahnhof" bedeutet in der Schweiz "nur Bahnhof verstehen", d.h. nichts verstehen

UND DANN DAS!!

schön wie ein Chanson - herzerquickendes, multiransparentes, vielschichtiges Gedicht -
... ist das im Zusammenhang mit deiner "roten Ampel an der Strassenkreuzung" und der "ab etferntem Ort lebenden Liebsten" entstanden?
... und haben meine letzten Gedichte vielleicht auch ein wenig Einfluss auf dein Schreiben, wie du auf meines?
Dass dies nicht sein muss, weiss ich zwar, doch mir will scheinen, dass ich jedenfalls an Ähnlichem arbeite.
Der Naturwissenschaftler Sheldrake hat immerhin beweisen können, dass das öfter vorkommt als man denkt, dass zwei Leute trotz Entfernung oftmals gleichzeitig etwas lösen.

Mich hat deine klar strukturierte Empfindsamkeit - heute morgen jedenfalls - umgehauen.

hera dam
hera dam©

Meine Privat-Lektüre (Juli 2010):

Arthur Honegger "Die Fertigmacher"
Robert Gernhardt "Was das Gedicht alles kann: Alles"
"Komische Geschichten" versch. AutorInnen, Aufbau Verlag
Urs-P. Twellmann "Arbeiten mit Holz"


Elytis "Orientierungen", p. 122:
"Deute, strebe, begreife:
Auch von hinten besehen
Bin ich der gleiche"

Odradek

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3

Thursday, May 31st 2007, 3:52pm

RE: Bahnhof

Hoi, Hera! ;)

Quoted

Original von hera dam
UND DANN DAS!!
schön wie ein Chanson ...

Du weißt gar nicht, welche Freude Du mir mit dieser Aussage machst ... mir als altem Chanson-Fan!! =)
... wobei ich selbst nie auf diese Idee gekommen wäre. :rolleyes:

Quoted

... ist das im Zusammenhang mit deiner "roten Ampel an der Strassenkreuzung" und der "ab etferntem Ort lebenden Liebsten" entstanden?

Nein. Das Ampel-Gedicht ist nigelnagelneu "tintenfrisch" hier eingestellt.
Dieses hier ist bereits eineinhalb Jahre alt.
- - und damit ist bereits eine weitere Deiner Fragen beantwortet:
Das Lesen Deiner Gedichte mag Einfluss auf mich haben (wie ich generell - in einem ganzheitlich-chaostheoretischen Sinne - der Meinung bin, dass alles, was ich wahrnehme und mit dem ich mich zudem bewusst auseinandersetze [!], irgendeinen Niederschlag in mir findet) - aber dieses Gedicht ist entstanden, bevor ich Deine Texte kannte.


Ein kleiner "Warnhinweis" zum Verständnis dieses Textes:
Er mag auf einer Ebene als Beschreibung von "Bahnhof" und entsprechenden Impressionen und Assoziationen funktionieren - aber das ist eigentlich nicht mein Thema. Der "Bahnhof" ist nur ein Bild ... jede einzelne der Zeilen kriegt erst einen Sinn (oder einen anderen, neuen Sinn), wenn man das Dahinterstehende, auf das abgezielt wird, in den Blick nimmt.
Es ist letztlich ein trauriges Bild ...
Das rote Leuchten war mir Aufhänger.
Ein letzter Hinweis: Nicht der BAHN-hof ist gemeint ...


Grüße,
Odra.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

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4

Thursday, May 31st 2007, 10:17pm

Hallo Frank,

ein Friedhof ist es:
Zypressen und Zwergwacholder = Friedhofsbäume/-büsche
Chrysanthemen und Christrosen = Grabbepflanzung.
gemeißelte (Inschriften) der GRABsteine

Die anderen, für die der Zug schon abgefahren ist, die sind schon dort; wir, die Lebenden, sind schon Sterbende, das Ticket für die letzte Fahrt liegt schon bereit, wir warten nicht am Bahnsteig, das Warten ist schon Teil des Weges, den betrauerten Rücklichtern selbst zu folgen.

LG Roland
Sammelsurium: Werkesammlung


hera dam

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5

Friday, June 1st 2007, 1:08am

RE: Bahnhof

Hallo aNFANGENDe, Hallo Odradek,
das mit dem FRIED-hof war schon klar - sonst hätte ich nicht die Vielschichtigkeit des Gedichtes gelobt.


Das Gedicht spricht erst vom
- rot bis gelblichen Rubinschein (wobei die Farben Rot / mit rot gemischte Farben (Christrosen/Heidekraut) und vom
- Gelb (Chrysanthemen)
die Farben spielen eine wichtige Rolle.

Ich nehme an, dass der Rubinschein von den roten Rücklichter herrührt, Die Erinnerung ist somit Bildgeberin am Gedichtanfang und es simmert (wie noch immer) durch die Blätter; denn diese Farb-Sensation ergibt sich nicht mit Zypressen oder Wachholder, die soviel ich weiss keine rote Beeren haben.
Der Rubinschein erinnert auch an einen Opferkelch oder ganz allgemein ans Herz. So habe ich es mir nicht nehmen lassen "Rubinschein" im Internet zu googeln und wurde unter "Walter Flex" fündig, der ein Gedicht „Ihr toten deutschen Soldaten" schreib, das aus der Erzählung „Das Weihnachtsmärchen des fünfzigsten Regiments" entstammt. Nun muss das wiederum nichts heissen, wobei es aber passen würde. Die andern zwei Gedichte / Lieder in dem Märchen nehmen explizit bezug auf die Farbe Rot oder auch auf rosig-farben.


Durch die Pflanzennamen und das

Quoted

Heide-
kraut leise im Nachwind

wird eine grosse Melancholie sichtbar, weil sie in Geschehen einbezogen sind (durch sie schimmert etwas, auf sie fällt Schatten, sie winken im Nachwind).
Letzteres ist vielleicht ein Hinweis, dass heidnisch gehandelt wurde und etwas sich wie "kraut" verhält (oder so behandelt wurde).
Wer verbleibt sind ja wir, die Nach-fahren (zuerst gucken wir ihnen nach, danach fahren wir selber dahin).

Etwas geschockt wurde ich (wiederum) durch das hervorgehobene Wort Abfahrt! - es tönt wirklich endgültig und fast respektlos - wäre es nicht durchs "Heidekraut in Nachwind" begleitet und zudem in Italic geschrieben, würde man es kaum aushalten. Das Italic bewirkt durch seine zierlichkeit und vornübergebeugte Art und Weise auch eine Bewegung ... (die könnte man nun als vorwärts oder hinunter deuten).

Jedenfalls assoziiere ich ein forciertes Ableben und denke, dass das Gedicht auf ein sehr trauriges Kapitel in der Geschichte hindeutet. Ich werte dies als Absicht des Autors, er muss einen Abgang (dieses Wort ist auch nicht besser und Abgesang tönt auch schrecklich) beschrieben haben, der uns Nach-fahren noch schmerzlich bewusst ist!

Irgendwie schreibt einer ja nicht ein Gedicht an alle Toten. Meist nennt man sie Ahnen, Mitkämpfer, Drogen- oder Aidsopfer, Helden, Widerstandskämpfer und/oder Juden oder Heiden, die von uns in Kämpfen starben oder in KZ's umgebracht wurden.
Wer genau in Odradeks Gedicht gemeint ist, kann ich hiermit ja fragen?

Ein weiterer Anhaltspunkt sind Schatten / gemeisselter Steine - also Grabsteine - nun gibt es diese auf christlichen sowie auf jüdischen Friedhöfen. Es gibt auch grosse Gedenksteine für Massengräber oder zu Ehren der Soldaten auf Schlachtfeldern. Letztere sind aber meist nicht im Friedhof aufgestellt.

Ein Hauch "Geschichte" liegt für mich über diesem Gedicht - aber ich könnte mir auch vorstellen, dass Leute gemeint sind, welche mit unserer Generation direkter (oder noch immer) etwas zu tun haben?

Das Gedicht hat auch aNFANGENDe (Roland) kompetent erklärt. Frage ist, wie weit man hineingeht im Verstehen oder ob die eigene Lesart genügt. Ich wollte es im Unbestimmteren lassen, aber sehe, dass es mich nach Odradeks "Warnung" nun doch mehr zur Wissensseite zog. Also bitte ich hiermit um eine weitere Erklärung zu meinem Versuch, das Gedicht noch besser zu verstehen.

hera dam
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Elytis "Orientierungen", p. 122:
"Deute, strebe, begreife:
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Odradek

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6

Thursday, June 14th 2007, 3:09am

RE: Bahnhof

Quoted

Original von hera dam
Also bitte ich hiermit um eine weitere Erklärung zu meinem Versuch, das Gedicht noch besser zu verstehen

Hera - ich bitte vielmals um Entschuldigung, dass ich nun erst so säumig Deiner Bitte nachkomme.
Und das bei Deiner im wahrsten Sinne des Wortes tiefgehenden Kommentierung dieses Textes, der mir ein wirklich wichtiger ist ... :(


Doch zunächst einmal - Roland:
Deiner so knappgefassten wie treffsicheren Aufschlüsselung einiger Begriffe und Gedanken ist nichts hinzuzufügen!
Exakter hätte man das kaum vorlegen können. :)



Hera - zu Deinen Farbüberlegungen:

Quoted

Ich nehme an, dass der Rubinschein von den roten Rücklichter herrührt, Die Erinnerung ist somit Bildgeberin am Gedichtanfang und es simmert (wie noch immer) durch die Blätter; denn diese Farb-Sensation ergibt sich nicht mit Zypressen oder Wachholder, die soviel ich weiss keine rote Beeren haben.

Ganz genau - vollkommen richtig mein Bild: das (Rubin)Rot der Rücklichter [auf der Metaphernebene] ...
die auf der "Realitätsebene" auch ganz konkreten (rubin)roten Lichtern entsprechen, die man auf dem Friedhof sehen/erleben kann (nun, zumindest auf katholischen) (... ist das ein "konfessionelles" Manko für das unmittelbar-konkrete Verständnis des Bildes? :rolleyes:).

Gelb? ... hmmm ... Vielleicht kann man das tatsächlich mit den Chrysanthemen assoziieren (und eher noch mit den Christrosen, die im Winterschnee gelb-weißlich blühen). Wobei ich die Farbe Gelb nie ausdrücklich eingeführt habe - das ist mir nicht wichtig ...
Eher noch das mahnende Dunkelgrün von Koniferen und Heidekraut.
(Zypressen stehen auch auf Böcklins "Toteninsel" - -das aber nur am Rande.)


Quoted

Der Rubinschein erinnert auch an einen Opferkelch oder ganz allgemein ans Herz ...

Diese Assoziation ist interessant ... wobei sie - in wiederum katholischer Sicht - mehr noch auf das "Ewige Licht" (am Tabernakel) verweist.

Das Flex-Zitat ist jedoch ein absoluter Zufallsfund - mit dem patriotisch-nationalchauvinistischen Urvater der jugendbewegten Kameradschaftsliteratur hab' ich nu' nix am Hut.

Quoted

Durch die Pflanzennamen und das
Heide-
kraut leise im Nachwind

wird eine grosse Melancholie sichtbar, weil sie in Geschehen einbezogen sind (durch sie schimmert etwas, auf sie fällt Schatten, sie winken im Nachwind).

Das hast Du sehr schön ausgedrückt! :)

Die "heidnisch"-Assoziation war nicht beabsichtigt; aber:

Quoted

Wer verbleibt sind ja wir, die Nach-fahren (zuerst gucken wir ihnen nach, danach fahren wir selber dahin).

Davon bin ich absolut begeistert!!!!!!!! =) =)
Diese "Nach-Fahren"-Deutung hast zwar erst Du mir geliefert, Hera, aber sie passt sowas von 100%ig!!!


Deine feinsinnigen und feingliedrigen Gedanken zum Begriff und Wort "Abfahrt!" kann ich nur mit ebenso großer VERwunderung wie BEwunderung lesen, Hera ... das lotet die Funktionsmöglichkeiten dieser Stelle tiefer aus, als ich es hätte erklären können!

Quoted

Irgendwie schreibt einer ja nicht ein Gedicht an alle Toten ...

Ja. Eben.


Quoted

Wer genau in Odradeks Gedicht gemeint ist, kann ich hiermit ja fragen?
... Ein Hauch "Geschichte" liegt für mich über diesem Gedicht - aber ich könnte mir auch vorstellen, dass Leute gemeint sind, welche mit unserer Generation direkter (oder noch immer) etwas zu tun haben?

Letzteres - in einem bestimmten Sinne gewiss!
Deine historisch-politischen Überlegungen sind interessant ... und ehren mich in gewisser Weise.
Aber ich habe hier wesentlich "privater" gedacht bei der Entstehung dieses Gedichtes. Mich haucht hier allenfalls "Familiengeschichte" an ...


Quoted

... Frage ist, wie weit man hineingeht im Verstehen oder ob die eigene Lesart genügt.

Ich denke, dass die eigene Lesart des Rezipienten eigentlich doch das Weitergehende ist.
Oder? :rolleyes:
Die entstandenen Texte (zumal lyrische) wissen doch meist (stets?) mehr als die Dichter. Also hat auch der Leser ein Recht auf sein eigenes Verstehen.
Im Idealfall kann der Dichter ja noch etwas über seinen Text lernen.
So mag zum Beispiel der Text tatsächlich eine historisch-politische Ebene haben, auch wenn ich diese selbst anfangs nicht sah.

Dank Dir, Hera! =)


Gruß,
Odra.
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hera dam

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7

Friday, June 15th 2007, 11:38pm

RE: Bahnhof

Hallo, ich beeile mich zu antworten, damit es nicht zu lange geht und du dich den in der Zwischenzeit geschriebenen Gedichten widmen kannst. Viel zu sagen gibt es nicht, eher zu bestätigen und (leider) Grund mich zu entschuldigen.

Quoted

Hera - ich bitte vielmals um Entschuldigung, dass ich nun erst so säumig Deiner Bitte nachkomme.
Und das bei Deiner im wahrsten Sinne des Wortes tiefgehenden Kommentierung dieses Textes, der mir ein wirklich wichtiger ist ...


Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen – obwohl ich die Geste schätze – ich müsste mich in dem Fall auch ständig entschuldigen.


Quoted

Diese Assoziation ist interessant ... wobei sie - in wiederum katholischer Sicht - mehr noch auf das "Ewige Licht" (am Tabernakel) verweist.


das ist noch ein Element mehr!

Quoted

Das Flex-Zitat ist jedoch ein absoluter Zufallsfund - mit dem patriotisch-nationalchauvinistischen Urvater der jugendbewegten Kameradschaftsliteratur hab' ich nu' nix am Hut.


Jetzt habe ich ein Problem und muss dich vielmals um Verzeihung bitten, ich konnte das Geschriebene von Flex erstens nicht genau einschätzen (hab aber – du darfst erleichtert sein, nicht geglaubt, dass du dich auf ihn direkt beziehst) doch hab ich ihn als „Testballon“ zitiert, weil ich wissen wollte, ob du die Assoziationen irgendwie vom Geschichtlichen herholtest und ähnliches empfunden hast (es gibt die deutsche Seele und ein riesiges Pool vom un(ter)bewussten Bildern, welche auch von Erfahrungen von früheren Leben stammen könn(t)en, ...

Quoted

Ich denke, dass die eigene Lesart des Rezipienten eigentlich doch das Weitergehende ist.
Oder?
Die entstandenen Texte (zumal lyrische) wissen doch meist (stets?) mehr als die Dichter. Also hat auch der Leser ein Recht auf sein eigenes Verstehen.
Im Idealfall kann der Dichter ja noch etwas über seinen Text lernen.
So mag zum Beispiel der Text tatsächlich eine historisch-politische Ebene haben, auch wenn ich diese selbst anfangs nicht sah.


Ich sehe, wir verstehen uns!

Lieben Gruss ;), hera dam
hera dam©

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