Wednesday, May 23rd 2012, 5:24pm UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

betja

Trainee

Date of registration: May 9th 2007

Posts: 71 wcf.user.activityPoints: 445

1

Wednesday, May 9th 2007, 8:52pm

Sandmeer

Die Augen zusammengezogen sieht er auf einen Punkt in der Ferne. Ein nie abreißender Wind bläst feine Sandwolken gegen den Körper. Lange Schritte kämpfen gegen die Müdigkeit an. Ein unwirklicher Ton, ein hohes Rauschen ebbt ab und steigt wieder an, ein nie nachlassender Rhythmus. Ein immer gleiches Suchen nach der Oase treibt ihn. Sie wird bald auftauchen, dort ganz weit, noch unsichtbar für das Auge. Sie wird Erleichterung bringen auf dem ewigen Weg. Sanftes Grün wird die Augen umschmeicheln, Stimmen werden an sein Ohr dringen, Lachen und Murmeln, köstlicher Duft von frischem Brot, und endlich Wasser, Lebenswasser. Er wird trinken und essen und schlafen. Die Händler, mit ihren Frauen und Kindern werden ihn bitten zu bleiben, werden ihm Freundschaft anbieten, und er wird sie annehmen. Aber nur kurz, denn die Reise geht weiter, die Augen werden unruhig, sie suchen wieder den weiten leeren Horizont. Das Wandern im heißen Sand, die Suche nach der nächsten Oase, die noch schöner sein wird. Das Wasser dort wird noch herrlicher, noch frischer sein, das Essen reichlicher, es wir Halim geben, Buchweizen mit Hammelfleisch, es werden schöne Frauen dort warten, auf ihn den Fremden. Die Beine tragen kaum noch, der Sand treibt Tränen in die Augen. Seine Füße treten in den Sand und stoßen sich ab, um mehr Kraft zu gewinnen, mit jedem Schritte weht ein kleiner Wirbel hinter ihm auf. Fast unhörbar reiben die winzigen Sandkörner an seiner Fußsohle, werden empor geschleudert, als kleine Staubwolken wenige Meter vom warmen Wind mitgetragen. Dann sinken sie nieder in das unendliche Wüstenmeer. Das leise Säuseln hört er nicht. Doch er dreht sich um. War da etwas, hat jemand zu ihm gesprochen? Nein, es waren nur die kleinen Körner, der Staub, der von den Füßen niedergedrückt wurde, der Untergrund, den er benötigte, um zum Ziel zu gelangen.
Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.
(F.Nietzsche)

sim

Professional

Date of registration: Oct 20th 2004

Posts: 360 wcf.user.activityPoints: 1,940

Location: Hamburg

2

Thursday, June 21st 2007, 11:56pm

Hallo betja,

ein bisschen frage ich mich bei solchen Texten immer, warum sie mir erzählt werden. Ich bekomme zwar einen Eindruck von der Wüste, von den Oasen, aber irgendwie gelingt es mir nicht, eine Motivation zu finden, etwas, das den Text für mich über das Wissen über die Befindlichkeit des Ich hinaus interessant macht.
Zwar versuchst du so eine Erhebung ins Allgemeine mit dem letzten Satz, in dem es um ein vages Ziel geht, das auch ein Ziel in der Wüste des Lebens sein kann, aber mir persönlich fehlt in der Reflexion mein persönlicher Leserbezug. Für einen Reisebericht ist es zu sehr auf Befindlichkeit ausgerichtet, für eine Seelenwanderung durch das Sandmeer zu wenig. Gastfreundschaft, Lebenswasser, Händler, Oase - Das sind so die typischen Stationen einer Wüstenvorsstellung, die Suche scheint vor allem von Unzufriedenheit getrieben zu werden: in der Wüste fehlt die Oase, in der Oase die Wüste, immer sucht er nach dem, was er gerade nicht hat, wenn das Ziel am Ende damit zu tun hat, kommt er nicht an oder wird es nicht sehen, weil er schon wieder daran vorbei auf die nächste Oase schaut.
Sprachlich unterlaufen die Dinge, die einem oft passieren, wennman besonders formulieren möchte. Es wird ungenau und manchmal falsch.
Details:

Quoted

Lange Schritte kämpfen gegen die Müdigkeit an.
In der Formulierung ungenau, denn es erweckt den Eindruck, als wären die Schritte von Körper und Geist dissoziiert.

Quoted

Das unwirklicher Ton
Hier wolltest du ganz bestimmt erst nur auf das Rauschen hinaus und hast deshalb den Ton bei einer Änderung zum Neutrum gemacht.

Quoted

Ein immer gleiches Suchen nach der Oase treibt ihn.
Wenn es für eine Tätigkeit schon ein Substantiv gibt, in diesem Falle "die Suche", dann muss das Infinitiv nicht substantiviert werden. Es liest sich einfach unschön. Auch, wenn die Suche doch immer gleich ist, sollte sie einen bestimmten, keinen unbestimmten Artikel bekommen, da die Monotonie dadurch besser getroffen wird. Die immer gleiche Suche nach der Oase treibt ihn.
Ist es aber immer eine andere Oase, braucht diese einen unbestimmten Artikel.

Quoted

Sie wird bald auftauchen, dort ganz weit, noch unsichtbar für das Auge.
"für das Auge" ist im Grunde obsolet. Oder kann er die Oase mit einem anderen Sinnesorgan schon sehen, auch wenn er es mit dem Auge nicht kann?

Quoted

Seine Füße treten in den Sand und stoßen sich ab, um mehr Kraft zu gewinnen
Es wird leider oft gemacht, um Wiederholungen zu vermeiden, trotzdem sind solche Personifizierungen vom Körperorganen und Gliedmaßen irgendwie fast immer unfreiwillig komisch und inhaltlich falsch, es sei denn, jemand ist tatsächlich nicht mehr Herr über seine Sinne und Bewegungen. Dann hätte er in der Wüste aber kaum Überlebenschancen.

Quoted

mit jedem Schritte weht ein kleiner Wirbel hinter ihm auf.
Schritt (Singular)

Quoted

Fast unhörbar reiben die winzigen Sandkörner an seiner Fußsohle
geht er barfuß? Das erfordert in der Wüste einiges für jemanden, der nicht von dort ist.

Wenn dies ein Text über eine wirkliche Reise ist, erzähl mehr davon, auch wenn es dann länger wird.

Lieben Gruß, sim
Texte einer multiplen Persönlichkeit

I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)

betja

Trainee

Date of registration: May 9th 2007

Posts: 71 wcf.user.activityPoints: 445

3

Friday, June 22nd 2007, 1:27am

Hallo sim,
wie schön, dass nach so langer Zeit, sich jemand dieses Textes annimmt. Und noch dazu so interessiert und fundiert. Ich merke gleich, dass du sehr genau und kritisch hinsiehst, und das gefällt mir. Trotzdem werde ich dir in vielen (fast allen :rolleyes: ) Punkten widersprechen, was du mir hoffentlich nicht übel nimmst.

Im Grunde treffen deine Eindrücke und Interpretationsansätze, obwohl sie kritisch daherkommen, den Kern doch einigermaßen. Jedenfalls kann ich nur bestätigen: es ist weder Reisebericht, noch Seelenwanderung; hat aber von beidem etwas. Die Suche ist von Unrast, Unzufriedenheit getrieben: ist das Ziel erreicht, ist es nicht mehr das Gewollte etc., absolut getroffen. In der Wüste fehlt die Oase, in der Oase die Wüste. Genau. Hinzu ommen sollte, dass in der Fixierung auf ein Wunschziel, der Ist-Zustand, die Gegenwart missachtet wird, das Getrieben-Sein auch von sich und anderen entfernt. Deshalb auch der nackte Fuß und das Geräusch.

Warum so ein Text erzählt wird? Aus meiner Sicht ist es eine Erzählung, die mittels einer relativ naturalistischen Schilderung ein Sinnbild für eine bestimmte geistig-seelische Verfasstheit zeigt. Dabei liegt dem eine konkrete Erfahrung zu Grunde, die ich gerne so in dieser Weise wiedergeben wollte. Das Wüstenszenario, die Mentalität des Wanderers, das Ambiente sind mir zumindest in Grundzügen vertraut, und damit kommt natürlich die Freude an der Erzähling. Es ist auch ein bestimmter Typus, der mir vorschwebte; also mit anderen Worten, ist es die Verarbeitung einer Idee mit konkret Erlebtem. Für mich reicht das als Motivation aus. Es ist mir nicht so wichtig, ob jedem das Gleiche dabei einfällt, oder manchem auch gar nicht. Wichtig finde ich, dass eine gewisse Neugier geweckt wird, und ein kleines Geheimnis angedeutet wird, jedenfalls muss nicht alles offen liegen.

Zu deinen sprachlichen Anmerkungen:lange Schritte - ungenau; nein, genau das ist gemeint: Schritte von Geist und Körper dissoziiert. So etwas tritt auf, wenn man in extremer körperlicher, aber monotoner Anstrengung in eine Art Trance gerät.

Mit dem "Suchen" und der "Suche" hast du einerseits Recht. Andererseits besteht zwischen beidem ein haarscharfer Bedeutungsunterschied, es ist nicht unbedeutend, ob von dem Suchen oder der Suche gesprochen wird. Daher würde ich das Suchen hier beibehalten. Auch im Fall des unbestimmten - bestimmten Artikels gilt, dass beide durch eine Nuance unterschieden sind. Ein Suchen treibt ihn - das Suchen treibt ihn. Ist nicht gleich zu setzen. Also auch hier, muss so bleiben.

"unsichtbar für das Auge" okay, muss nicht sein, hast Recht.

Die Füße sind hier absolut gewollt und bewusst gewählt und haben ihre eigene Funktion.

Gleiches gilt für das Barfußgehen.


Es war sehr interessant auf deine Hinweise einzugehen, ich habe auch ehrlich alles noch mal überprüft, aber es zeigt sich, dass ich doch alle Besonderheiten nicht aus Versehen, sondern recht bewusst eingesetzt habe.

Vielen Dank für dein Interess und deine Mühe

Lieben Gruß
Betja

(übrigens habe ich deiner Seite entnommen, dass wir in manche Hinsicht "Kollegen" sind)
Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.
(F.Nietzsche)

Date of registration: Feb 7th 2006

Posts: 722 wcf.user.activityPoints: 4,130

Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

4

Thursday, September 20th 2007, 12:11am


...Wichtig finde ich, dass eine gewisse Neugier geweckt wird, und ein kleines Geheimnis angedeutet wird, jedenfalls muss nicht alles offen liegen.

hallo betja,

genau diese nur angedeuteten Geheimnisse sind es, die ich an solchen Texten besonders anziehend finde. Ob eine Beschreibung greifbar ist, oder nicht, ist manchmal weniger vom Erzählten selbst, als von dem Vorstellungsvermögen oder dem Blickwinkel des Lesers abhängig. Ich konnte bereits so Vieles finden, nachdem ich mich auf die Erzählung nun schon das fünfte Mal eingelassen habe, und bin überzeugt davon, dass ich mit jedem weiteren Daraufeinlassen wieder auf Unentdecktes treffen werde. Was ich bisher alles fand, werde ich dir gerne noch nachreichen - momentan lasse ich es noch auf mich wirken. Ich hoffe, du bist bis dahin geduldig mit mir - es stellt keine Ausrede dafür dar, dass ich nicht erklären könnte, was dein Sandmeer zu mir tragen hat können. Es sind für mich Abdrücke, die aus einem ganz bestimmten Gedankengebiet zu kommen scheinen...

Texte, die mir jedes Bild in seiner grössten Auflösung bereits präsentieren, interessieren mich so und so reichlich wenig, aber das weisst du (glaube ich) auch schon :)

bis zum nächsten Mal spiele ich noch ein wenig im Sand...

mit liebe Grüssen von einer Wüstenschiffreisenden

Judith
Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

betja

Trainee

Date of registration: May 9th 2007

Posts: 71 wcf.user.activityPoints: 445

5

Thursday, September 20th 2007, 2:03pm

Hallo Judith,

Oh, schön - so of t gelesen -
freut mich, dass es dir gefällt.
Ja, schreib mir deine Eindrücke.

Du bist eine Wüstenschiffreisende?
Kamel geritten :) ?
Ich auch mal, ist aber lange her.

Lieben Gruß
Bettina

Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.
(F.Nietzsche)

wcf.user.socialbookmarks.titel