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Toby

Sage

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1

Sunday, April 22nd 2007, 8:44pm

Das Gedicht, das nicht werden wollte

Das Gedicht, das nicht werden wollte


Das erste Wort mit Sorgfalt ausgewählt,
nur nicht zu viel am Anfang schon erzählt,
der Inhalt nicht zu schwer und nicht zu leicht,
und wohlbedacht, dass weder tief noch seicht
mein Dichtergeist auf das Papier sich senke,
mit rechtem Maß den Leser führ’ und lenke.

Fast ist es greifbar, halb schon ausgedacht,
dies Wort, das einen guten Anfang macht;
so fruchtig perlt es wie der deutsche Wein
durch meinen Mund; gleich fällt’s mir wieder ein.
Wie war es bloß? - ich glaube, lang war’s nicht...,
wer macht schon lange Worte im Gedicht?

Es hatte wohl Vokal und Konsonant,
ein E im Kern und R vielleicht am Rand?
nach einem D ein Umlaut-ä,ö,ü?,
französisch gar mit dem accent égue?
Auch scheint es mir, es wär betont gewesen,
als ich es jüngst an andrer Stell’ gelesen.

Das erste Wort, es lässt mir keine Ruh,
ich schließ die Fenster, werf die Türen zu,
nicht einen fremden Laut will ich jetzt hören...
„Was musst du laute Welt mich immer stören?!“
ruf ich empört und ärgere mich sehr,
denn - schlimmer Tag - mein Kopf bleibt heute leer.

Zur unbeschriebnen Seite geht mein Blick,
ich seh es ein: hier hilft nicht Trug noch Trick:
Was brauch ich für das neueste Gedicht
als dieses eine Wort... und grad das find ich nicht!
Noch einmal seufze, dann besinn ich mich:
Schluss. Ende. Aus. Vorbei. - Gedankenstrich.
"Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen."
(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

jonny

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2

Sunday, April 22nd 2007, 9:06pm

RE: Das Gedicht, das nicht werden wollte

huhu ntsr :)

tja. wirklich nett gedacht, wobei ich anfangs dachte, dass es eher so ein "unglücksgedicht" sei, aber zum schluss hin seh ichs ja doch gerettet. wirklich feine idee, diese zwei gegensätze gegenüber zu stellen.

also die form gefällt mir wirklich sehr. du hast zwar an sich die eher langweiligen paarreime gewählt, aber in kombination mit den relativ langen versen und dem seehr angenehmen rythmus, werden die gar nicht erst langweilig... es macht wirklich spaß, dein gedicht zu lesen, obwohl es "länger" ist.

dazu trägt natürlich gleich die erste strophe bei. die leitet sowohl den besagten rythmus schön ein und andererseits das inhaltliche fragezeichen. man fragt sich gleich, worauf du hinaus willst, was die pointe ist und zum schluss hin war ich auch ganz zu frieden damit.

ein gedicht über das nicht-werden-wollende gedichteschreiben. und was da rauskommt, in solch einer situation, ist ein gedicht.

wie gesagt, find die idee recht nett und das ganze gedicht sowieso ;)

schönen gruß
jonny

Toby

Sage

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3

Monday, April 23rd 2007, 9:01am

Ich dank dir, jonny. ;) Das Gedicht ist aus dem Gedanken heraus entstanden, dass man manchmal nicht in der Lage ist, Gedichte zu schreiben, obwohl man es möchte. Manchmal steht und fällt alles mit einem einzigen Wort...
"Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen."
(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

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4

Monday, April 23rd 2007, 11:12am

Hey NTSR,

ein wirklich gelungenes Gedicht, obwohl ich finde, dass die letzte Strophe nicht so einen schönen Lesefluss wie die davor haben.

Ich glaube jeder kennt das, dass nur ein Wort zur Perfektion fehlt eine Formel, man kann es eigentlich auf jedem Gebiet ausbreiten.

Ansonsten kann ich mich nur jonny anschließen, ein wirklich gelungenes Gedicht und ein sehr schönes Thema. =)

Liebe Grüße

Faithi
~Glaubenslicht~

Toby

Sage

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5

Thursday, April 26th 2007, 10:36am

Auch dir herzlichen Dank für den input, Faithie. ;) Das Gedicht ist mir einigermaßen wichtig, weil es seit vielen Monaten das erste ist, das sich wieder aus meiner Feder herausgetraut hat - und da versteht es sich fast von selbst, dass es sich auch ein wenig mit writer's block auseinandersetzt... ich hoffe jedenfalls, dass es in den nächsten Wochen wieder mehr poetisches von mir zu lesen gibt. :]

Cheerioh! NTSR
"Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen."
(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

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6

Sunday, December 19th 2010, 10:21pm

Quoted

französisch gar mit dem accent égue?
Es heißt "accent aigu", nicht "égue". :D Aber ansonsten voll gut :)

LG Anna
Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Albert Einstein)

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