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Date of registration: Dec 23rd 2006

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1

Thursday, April 5th 2007, 8:37am

Kartenhaus

Kartenhaus

Beim Balancieren
auf gläsernen Mauern
trete ich mit zerschnittenen Füßen
auf der Stelle.

Ausgezogen
mit offenen Händen
bis aufs letzte Hemd
in Fetzen gerissen
kehre ich
mich zusammen
und zum Anfang zurück.

Dennoch trage ich weiter
Stein um Stein ins Fundament,
und baue auf Morgen
aus felsenfestem Grund
Haus für Haus unters Firmament,

bis wieder die Hand,
nach der ich vertrauensvoll greife,
es mit einem einzigen Streich ruiniert.


RPK 050407
Sammelsurium: Werkesammlung


willow

Intermediate

Date of registration: Jan 2nd 2007

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Location: BaWü

2

Thursday, April 5th 2007, 12:57pm

RE: Kartenhaus

Hallo Roland!

Eine knusprige Nuss von erheblichem Härtegrad servierst du da. Werde mal aufschreiben, was mir dazu so durch den Schädel spukt...

Das lyr Ich baut ein Gebäude aus Glas, welches ein ums andre Mal zerstört wird; ein Bild, welches an die Legende des Sisyphus erinnert, eine zwecklose Arbeit welche niemals fertiggestellt werden kann, und doch immer wieder auf neue aufgenommen wird...möglicherweise steht das für das tägliche Tun, jeden Morgen raus aus den Federn und ran an die Arbeit, jedoch ohne tatsächlich zu einem Ende, einem Ergebnis zu kommen.
Das ganze Leben als eine einzige sisyphische Plackerei, die Umschreibung als Balanceakt könnte die Verwundbarkeit verdeutlichen, ein einziger Windstoss im Lebenssturm kann einen in die Tiefe reißen. Der Grund zur Wahl des Unterforums wird mehr als deutlich.
Die gläserne Mauer...Zerbrechlichkeit? Durchschaubarkeit? Passt jedenfalls zu den zerschnittenen Füßen, zerschunden in den Scherben der vormals zerschmetterten Bauwerke. Stagnation.

Ausgezogen...entkleidet, entblößt, wehrlos gegen das Übermächtige, möglicherweise in anderer Bedeutung aber auch hinausgezogen um sich der Welt, dem Leben zu stellen.
Das lyr. Ich ist am Boden zerstört, ihm wurde alles genommen ("bis aufs letzte Hemd"), und "dennoch" (imo wichtiges 1stes Wort in S3) kehrt es zum Anfang zurück, um von neuem zu Beginnen.
"und baue auf Morgen"...für mich eine der besten Zeilen des Textes, sie verdeutlicht für mich die Hoffnung auf bessere Zeiten, den Mut und die Zuversicht, die trotz allem fortbestehn und das lyr. Ich wieder und wieder beginnen lassen.
Der felsenfeste Grund...Erfahrung? Überzeugung? Glaube? Hoffnung? Könnte in diesem Zusammenhang in meinen Augen einiges Bedeuten. Beim Haus unterm Firmament und der Hand, welche anscheinend von der Spitze des Gebäudes erreicht werden soll, habe ich spontan babylonisch-religiöse Assoziationen, das Gebäude zu Gott, welcher die Fertigstellung verhindert (wenn auch hier, anders als in der biblischen Geschichte, durch gewalttätige Intervenention; Theodizee-assoziation meinerseits). Womöglich ist der religiöse Ansatz aber auch Kappes.

Die zerstörerische Hand...das Leben schlägt zu. Nur der felsenfeste Grund wiedersteht den Hieben, das zerbrechliche Kartenhaus jedeoch geht in Stücke...der Titel scheint zugleich auch die Grundidee zu sein, die im Endeffekt zu diesem Text geführt hat. Jedenfalls sehr gut gewählt.
Der vertrauensvolle Griff nach der Hand...möglicherweise auch die Enttäuschung, die das lyr.Ich immer wieder im Bezug auf andere Menschen erfahren muss.

Insgesamt inhaltlich sehr dicht, könnte mir vorstellen das ich eine Menge Gemeintes nichtmal vermutet habe. Wirklich gut gemacht und duchdacht, kraftvolle, detaillierte und vielschichtige Bilder, welche Hand in Hand gehen...man muss sich sicherlich ein wenig mit dem Text beschäftigen, da sich seine Athmosphäre erst mit dem Verständnis bzw. den Assoziationen erschließt bzw. offenbahrt, was viellicht auch das einzige ist, was mir persönlich nicht so sehr gefällt; ich mag es wenn einen ein Text schon beim ersten Lesen in seinen Bann schlägt. Bei diesem wird zwar sofort deutlich, das da einiges drinsteckt, aber irgendwie ist mir seine Schönheit nicht offensichtlich genug; schwer zu beschreiben.

Jedenfalls ein verdammt guter Text, bei dem komplex ineinandergewebte, fantasievolle Bilder ein stimmungsvolles Ganzes ergeben.

gruß
willow
All it came down to was: die or adapt. I imagine my own vacant face, the disembodied voice coming from its mouth: These are terrible times. Maggots already writhe across the human sausage, the drool pouring from my lips dribbles over them, and still I can't tell if I'm cooking any of this correctly, because I'm crying too hard and I have never really cooked anything before.
Brett Easton Ellis, American Psycho

sanscryt

einfach nur franz

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Posts: 1,174 wcf.user.activityPoints: 6,380

3

Friday, April 6th 2007, 4:40pm

RE: Kartenhaus

Tagchen AE,

ich würd dir gern ein paar Wörter zu deinem Text sagen

Beim Balancieren
auf gläsernen Mauern
trete ich mit zerschnittenen Füßen
auf der Stelle.


das 'lyr. Ich' scheint sich am Abgrund zu bewegen.
Die zerschnittenen Füße nehme ich aus der Mauer, die, ob nun bereits zersplittert oder
einfach nur scharfkantig, dem 'lyr- Ich' nicht wirklich 'gut gesonnen zu sein scheint'.
-> 'Fundament' scheint negativ behaftet, physisch, psychisch oder existenziell

Ausgezogen
mit offenen Händen
bis aufs letzte Hemd
in Fetzen gerissen
kehre ich
mich zusammen
und zum Anfang zurück.


Resignation der Ich-Rolle? Wehr- und schutzlos fleht das 'lyr. Ich' (Vers 1&2),
und begibt sich an den Anfang zurück, der hier offen bleibt.
Sich den Anfängen entsinnen ?

Dennoch trage ich weiter
Stein um Stein ins Fundament,
und baue auf Morgen
aus felsenfestem Grund
Haus für Haus unters Firmament,


Trotz aller negativen Attribute schaut das 'lyr. Ich' gradaus / nach vorn - lässt sich nicht unterkriegen. Trotz all dieser steckt es Kraft und Muße in sein Tun, und schaut mutig auf das 'Morgen'.

bis wieder die Hand,
nach der ich vertrauensvoll greife,
es mit einem einzigen Streich ruiniert.


...und zum Schluss der Schicksalsschlag, der das 'ich' jedoch nicht innehalten lässt, sondern es an den Anfang des Textes zurückführt.

Im Großen und ganzen würde ich wie Willow kommentieren,
mit dem Unterschied das ich deinen Text dieses Mal leider nicht so dufte finde.
Die benutzten Bilder wollen mich irgendwie nicht überzeugen. Irgendiwe fehlt mir der Höhepunkt, bzw. will sich MIR beim Lesen keiner einstellen.
Der Idee halber ist es nicht wirklich innovativ - sofern ich mir dies Urteil erlauben darf.
Man ist mehr von dir gewohnt!

Favorit der Bilder halber: die erste Strophe
[...] des Klangs halber: die dritte Strophe


Joa, das wollte mal gesagt werden.

Alles Gute und frohe Ostern dir!

Gruß, sanscryt

zephyr - beeblebroxed

einfach nur franz


Date of registration: Dec 23rd 2006

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4

Monday, April 9th 2007, 3:44pm

Hallo ihr,

entschuldigt, dass meine Antwort etwas gedauert hatte, ich war auf einer anderen Baustelle. ;)

Ich habe wenig zu erläutern, eure Interpretationen passen soweit, und nähere eigene Motive will ich nicht preisgeben.

Geschlossene Kreise tauchen in meinen Texten immer wieder auf, denn sie finden sich in vielerlei Gestalt, philosophisch, in der Natur, im Leben.
Innovative Ideen sind so bei etwas abgebildetem nicht einfach, und die Kritik an der Verwendung bereits bekannter Floskeln nehme ich insofern an, allerdings habe ich diese schon versucht, nicht herkömmlich zu "verbauen", sondern zu einer Gesamtaussage zu verknüpfen.
Offene Hände können eben in einem Kontext offen und offen sein. ;)
"Auf Morgen bauen": Zeit und Erde in einem Bild,
"felsenfester Grund": Baugrund und Überzeugung...

Dass die verwendete Bildsprache "ungewohnt" (na wenigstens :] ) wenig überzeugend ankommt, ist eine Meinung, die ich mir hinterfragend anhöre, nur eine Lösung für diesen Text weiß ich da nicht mehr, der muss jetzt damit leben, dass er so ist :P

Danke für Eure ausführlichen Kommentare

AE
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