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Date of registration: Dec 23rd 2006

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1

Tuesday, April 3rd 2007, 8:38pm

Stücke aus Licht

Stücke aus Licht

Nacht bricht aus.
Wer sich zu weich
an den Tag schmiegte,
zerschellt nun gefroren
zu Stücken
aus Licht,
das am Horizont begraben wird.

Helles hat keinen Platz.
Zu blind ist der Spiegel,
zu schnell versiegt
die Farbe der Bilder
im Gestern,
im Dunkel
der Erinnerung an den Tag.

RPK 030407
Sammelsurium: Werkesammlung


Odradek

Master

Date of registration: Mar 9th 2007

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Location: reine Fiktion

Occupation: (Un-)Sinnspule

2

Wednesday, April 4th 2007, 11:54am

Das gefällt mir.
Das gefällt mir sehr! :)

Nachdem ich in einigen Deiner letzten Texte leider das nicht entdecken konnte, was mich an Deinen Gedichten so begeistert, machte mit der Titel hier richtiggehend Angst.
(Wenn Du aus der Musikszene kommend beim Stichwort "aus Licht" die gleichen überdeutlichen Stockhausen-Assoziationen hättest wie ich, würdest Du den Titel sicher nochmal überdenken ... but that's just me - wahrscheinlich denkt sonst niemand so verquer wie ich ;)).

Dein Gedanke hier ist griffig, einleuchtend ohne plakativ zu sein, in eine schlüssige Metaphorik gekleidet, sprachlich ansprechend, ach was sag ich: packend!

Ein einzelner Gedanke - ohne aufgesetzte "Philosophie", aber mit viel Raum zum Nachdenken für den Leser: Optimal.


Nachdem ich voller Begeisterung drei, vier mal durch den Text gehetzt bin, hab ich bei nun beruhigtem, tiefergehenden Blick doch ein, zwei - kleine - Ecken gefunden, an denen ich mich ein bißchen gestoßen habe:

Ende Str. 1 : da zerschellt man zu Stücken aus Licht -- "das am Horizont begraben wird".
Grammatisch würde ich da den Bezug des Relativsatzes auf die "Stücke" dem auf das "Licht" vorziehen; zuerst einmal steht hier gedanklich der Begriff der STÜCKE im Vordergrund ... das "aus Licht" ist dann die nähere Bestimmung "was für Stücke?" --- man denkt bis Ende Z. 6 tatsächlich "Stücke", hat das als Haupt-Bezugswort im Kopf -
... nun ist es ja nicht verkehrt, vom Leser ein Umdenken zu fordern (zumal es grammatisch ja durchaus auch korrekt ist).
Aber dieser Schwanzschlag hier ist unerwartet in einem Text, der sonst so bruchlos funktioniert.
Wenn das "Licht" dann tatsächlich das Hauptbezugswort sein sollte, das da "am Horizont begarben wird" -- dann bräuchte mE das Licht (als nun näher definiertes) eigentlichen den bestimmten Artikel:
"zu Stücken / aus dem Licht, / das am Horizont begraben wird."
Aber besser fände ich tatsächlich:
"zu Stücken / aus Licht, / die am Horizont begraben werden."

Du verlierst zwar die (vielleicht angestrebte?) männliche Zeilenendung, aber der Rhythmus bleibt ansonsten bruchlos unverändert (... und du gewinnst zudem eine Inhalts-Assonanz "-erden" zu dem "begraben"). Und sind es nicht letztendlich doch die Licht-Bruchstücke, die da am Horizonz zersplittert untergehen?!
Inhaltlich würde ich diese Notwendigkeit nicht sehen -- aber ich sehe sie im grammatischen Fluss.

Zum zweiten hadere ich ein bißchen in Str. 2 mit der Apposition "im Gestern, / im Dunkel ..."
Gerade das substantivierte "Gestern" klingt mir zu bedeutungsschwanger - in einem eher allgemeinplatzigen Sinne, auch zu sehr nach Verlassen der Bildebene in Richtung Realebene.
Die Zeile "im Gestern," könnte man doch schlicht weglassen ... ??! :rolleyes:

In meinen Gedichten lasse ich oft selbst den Klang vor die Bedeutung gehen ... leider. Ich muss mich da immer disziplinieren - was mir oft nicht ganz gelingt.
Es ist also nun quasi ein selbstkritischer Blick, der mich ganz zum Schluss (nach dem 27ten oder so Durchgang durch's Gedicht) doch noch an dem "versiegt" (Str. 2, Z. 3) bohren lässt:
Mir gefällt es eigentlich so am besten, wie Du's da stehen hast.
Aber ich muss leider bemerken, dass das Bild so nicht wirklich funktioniert.
Die Farbe der Bilder - versiegt ?
Die Farbe des Malers kann vielleicht versiegen (die er noch in flüssiger Form vor sich hat, die noch in das Bild "fließen" muss, damit es sich formen kann).
Aber die Farbe des Bildes? Des fertigen, längst fertigen, ja bereits wieder verschwindenden ... ?
Ich befürchte, dieser Farbe bleibt nichts anderes übrig als zu verblassen.
Auch wenn das dann nun ein geläugfigeres Sprachbild ist.
Aber Du bist mit dem Gedicht hier ja angetreten, um einem bestimmten Moment Ausdruck zu verleihen, einem besonderen Gedanken, einem Erkenntnis-Zipfel in Dir/von Dir ... und nicht um einen Grenzpflock für die Avantgarde einzurammen.
Ich würde die Stimmigkeit des Bildes einer erzwungenen Metaphern-Originalität vorziehen.

Aber beides hat seine Vorzüge ... ;)

edit:
Eine gute Möglichkeit wäre wohl "versickern" - das blasse Bild würde vermieden, die i-Lautung behalten ... und man hätte sich im Farb-"Fluss" wenigstens von der Quelle (die ja nur versiegen kann) zum anderen Ende des Flusses bewegt ...


Gruß,
Odra.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
(Afrikanisches Sprichwort)

hohlZahn

Professional

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Occupation: Arsch vom Dienst / Achterbahnpilot

3

Wednesday, April 4th 2007, 12:26pm

RE: Stücke aus Licht

doch, was die idee angeht kann ich mich odradick bedenkenlos anschließen, die ist sehr gut.

im einzelnen:

Quoted

Original von aNFANGENDe
Stücke aus Licht

Nacht bricht aus.


optimale korrespondenz, assoziativ hervorragend, evtl. wäre "nacht bricht heraus" noch stärker - müsste man sehen.

Quoted

Original von aNFANGENDe
Wer sich zu weich
an den Tag schmiegte,
zerschellt nun gefroren
zu Stücken
aus Licht,
das am Horizont begraben wird.


"weich" und "anschmiegen" passt, ist aber m.e. kein gegensatz zum "gefroren". "warm" würde m.e. besser passen, aber man muss die assoziationsebene auch nicht zu eng fassen ;)
ein problem habe ich mit der reihenfolge, das "zerschellt" sollte m.e. erst nach dem beschriebenen vorgang des "zusammenfrierens" kommen, einfach aus gründen der logik. "das licht das am horizont begraben wird" - sehr schön!


Quoted

Original von aNFANGENDe
Helles hat keinen Platz.


dies ist der einzige vers der mir nicht gefällt, er ist mir zu allgemein. er passt motivisch zwar ganz gut, aber ihm fehlt m.e. die präzision und er wirkt austauschbar. habe allerdings gerade keinen verbesserungsvorschlag parat...

Quoted

Original von aNFANGENDe
Zu blind ist der Spiegel,
zu schnell versiegt
die Farbe der Bilder


spiegel - sehr gut, rundet die assoziation zu den scherben bzw. stücken wieder ab. die versiegende farbe der bilder als umschreibung für nacht gefällt mir auch.

Quoted

Original von aNFANGENDe
im Gestern,
im Dunkel
der Erinnerung an den Tag.


der schluss ist mir wiederhin zu allgemein und binsenweisheitmäßig. das verlassen der metaphernebene ist hier m.e. nicht sinnvoll, da man eben zum allgemeinplatz "ende des tages = nacht" kommt - dieser allgemeinplatz wurde ja vorher sehr lyrisch umgangen.

vielleicht wäre es besser, wenn du wieder auf die "stücke" zu sprechen kämst, denn auch aus scherben kann man etwas neues formen o.ä. ... müsste man sehen. ich hab keine konkreten verbesserungsvorschläge parat, aber die idee des textes ist es wert sich nochmal dran zu setzen.

grüße
hZ
neulich dachte ich, mir wären beim kacken die augen geplatzt, dabei hat nur jemand versehentlich das licht ausgeschaltet.

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4

Monday, April 9th 2007, 4:15pm

Hallo Odra, hallo hZ,

nein, Stockhausen war mir dann eher nicht im Sinn ?(
Das grammatische Ding Stücke/Licht habe ich natürlich gesehen. Es ist die Perspektive: Sind es Sücke aus Licht, die am Horizont begraben werden, oder sind es Stücke aus Licht, die zusammen mit dem Gesamtlicht am Horizont begraben werden. Meine Vorstellung war eben ein Mit-Hinunter-Gezogen-Werden.
Dass das Verlassen der Metaphernebene hin zu klarer besetzten Ausdrücken stört, kann ich nachvollziehen. Da kann ich vielleicht noch Änderungen vornehmen.

Danke auch für den Hinweis Farbe versiegt/verblasst. Verblasst scheint in der Tat besser zu "funktionieren", obwohl ich klanglich dem Spiegel/versiegt nachtrauern müsste.

Quoted

optimale korrespondenz, assoziativ hervorragend, evtl. wäre "nacht bricht heraus" noch stärker - müsste man sehen.

Freut mich. Aber es geht eben schon genau um "Ausbrechen", wie ein Krieg oder eine Seuche, nicht um ein "Herausbrechen" aus einer Gesamtheit.

Die Bildlogik von weich zu gefroren statt warm zu gefroren ist meiner Meinung nach schon gewahrt, denn weiches wird eben gefroren hart, spröde und zerbrechlich. Das würde ich gerne so lassen.

zerschellt nun gefroren - Mag etwas nachgereicht sein, ja. Idee für eine klanglich ebenbürtige Alternative:
alt: zerschellt nun gefroren zu Stücken aus Licht xXxxXxxXxxX
neu: gefriert und zerschellt nun zu Stücken aus Licht xXxxXxxXxxX

"Helles hat keinen Platz" - zu allgemein? Der Vers ist als eine thesenhafte All-Gemeinheit gedacht. Ich weiß es nicht besser zu ersetzen ?(

Den Schluss müsste ich nochmal komplett neu formen. Meistens gelingt mir sowas nicht im Nachhinein, zu einem eigentlich im Gefühl "fertigen" Text. Ich versuche es aber mal in einer ruhigen Stunde.

Danke für Eure Hinweise, und es freut mich, dass ihr so viele Teile als schön und gefallend wahrgenommen habt. :]

Liebe Grüße

AE
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