Hallo aNFANGENDe,
dieses Gedicht ist mir etwas zu wirr, was nicht zuletzt an den Zeilenumbrüchen liegt, die ich meist gar nicht nachvollziehen kann und die störend auf mich wirken. Ergeben sie anfangs noch einen Sinn (Doppeldeutigkeit S1, Z2/3), scheinen sie bald - nur noch als Stilmittel fungierend - in Beliebigkeit auszuarten. Aber mal der Reihe nach:
Draußen in der welt
scheint eine sonne
lichtungen zu fluten,
die über ihren kahl-
schlag artig im dunkeln
gelassen waren.
Als Thema hast du, so verstehe ich es jedenfalls, die Umweltproblematik, die Abholzung der Wälder, gewählt. Die heutigen Lichtungen sind die Flecken, die einst im Schatten der Bäume lagen. Der Kahlschlag führte dazu, dass die Sonne diese Bereiche nun problemlos bescheinen kann, was nur logisch ist. Doch im Grunde ist dieses Licht trügerisch, denn es bedeutet Umweltzerstörung und wahre Dunkelheit. Diese Gedankenspiele von Licht und Schatten gefallen mir noch ganz gut. Warum du „artig“ vom Kahlschlag getrennt hast, erschließt sich mir nicht, soll das auf einen „Befehl von oben“ verweisen, den die Holzfäller artig ausführen? Am Ende hätte ich „wurden“ bevorzugt.
Boden lose auf und fort
geschwemmte parti-
kel alter lebens
freude
strahlend
nun im neuen licht.
Mit der Abholzung geht auch der Nährstoffgehalt des Bodens verloren, denn der Regen kann ihn nun mühelos davonschwemmen, weil die schützende Vegetationsdecke fehlt. Darauf scheinst du mit der zweiten Strophe anzuspielen. Den Zeilenumbruch der "parti-/kel" könnte ich mir damit erklären, dass die Natur aus dem Gleichgewicht gerät und die Abtragung, gleichsam fluvialen Prozessen, bildlich umgesetzt wurde. Doch dann übertreibst du in meinen Augen, indem du diese Umbrüche nicht enden lässt.
Warum die Partikel am Ende dieses Abschnitts in neuem Licht erstrahlen, bleibt mir ein Rätsel, ist das ironisch gemeint? Oder spielt es darauf an, dass humusreiche Nährstoffpartikel weiter unten zum Erliegen kommen und zur Erneuerung beitragen? Soweit ich weiß, regenerieren sich ausgeschwemmte Böden aber nicht so ohne weiteres und die einstigen Nährstoffe verschwinden auf Nimmerwiedersehen, weil Wasser und Wind, Versauerung, Humusverlust und Demineralisierung den Prozess der Bodenerosion nur fortsetzen und einer Bodenentwicklung erst einmal im Wege stehen, solange nicht aufgerodet wird. Und das kann sich Jahre hinziehen.
Zwar sieht man nun
das fehl ende des alten,
doch wächst neuland
scheinbar schnell-
lebig.
Das „fehl ende“ gefällt mir in seiner Zweideutigkeit, doch wächst mir das Neuland zu schnell, wenn man es an realen Maßstäben misst.
Wie schön
geistig
nie tot ge-
wesen zu sein.
Und den letzten Abschnitt verstehe ich nicht. Wird hier die Zerstörung der Natur als bodenständiges Element antithetisch der Kultur des Geistes gegenübergestellt? Kultivierung aus Egoismus auf Kosten der Umwelt? Spricht da Zynismus?
Insgesamt nicht so mein Fall.
Gruß, tintenklecks
Edit
Jaha, so könnte man dieses Gedicht auslegen, wenn, ja wenn man nicht eine PN des Autors erhalten hätte. Nun gut, das war lediglich die erste Sinnebene, für die zweite habe ich erst heute Zeit

. Der Rubrik nach zu urteilen, die mir gestern einerlei war, stehen hier natürlich Menschen im Vordergrund, nicht die Natur, logo.
Wenden wir uns also erneut der Strophe 1 unter diesem Aspekt zu, so steht die Sonne hier
vermutlich als Metapher für die Hoffnung im Allgemeinen, für eine Person oder sogar für Gott. Diese Sonne vermag es, jene Menschen zu erreichen und der Dunkelheit zu entreißen, die in ihrem Leben vielleicht nicht gerade mit Glück gesegnet wurden und Unschönes erfahren haben.
Die „Boden losen“ der S2 sind für mich mit den Lichtungen der S1 identisch, also mit den schicksalsgebeutelten Menschen, die – und das wird an dieser Stelle deutlich – den Halt im Leben verloren haben, auf eine Art entwurzelt wurden. Das Leben scheint ihnen entglitten, bis die liebe Sonne erscheint und alte Lebensfreude weckt.
Das „fehl ende“ erscheint auch mir plötzlich in neuem Licht, jetzt würde ich davon ausgehen, dass damit auf die Endphase des verkorksten Lebensweges der Gebeutelten angespielt wird, die bis dato in einer Fehlrichtung unterwegs waren. Irgendwie so. Durch die Sonne, ich weiß leider immer noch nicht, wofür genau sie eigentlich steht, werden neue Wege sichtbar, die es nun zu begehen gilt.
Die letzte Strophe würde ich derart auslegen, dass, auch wenn man zuvor den falschen Weg eingeschlagen hatte, es nie zu spät ist, die Richtung zu ändern und seinem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Das ist möglich, solange der Geist nicht tot ist.
Gruß, tintenklecks
(P.S. Trotzdem nicht so mein Fall.)