Wednesday, May 23rd 2012, 3:38pm UTC+3

You are not logged in.

  • Login
  • Register

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

1

Friday, February 2nd 2007, 5:28am

nichts halbes, nichts ganzes

nichts halbes, nichts ganzes


halb
schon gestorben,
das leben verdorben,
gebe dein bestes
:
schlage die eier
des eig'nen nestes
in kleine stücke
,
lade zur feier
des letzten festes
auf eine brücke
;
all deine sorgen
nimmt dir schon morgen
das sterben des restes
ganz
.

RPK 020207
Sammelsurium: Werkesammlung


machtwort

Unregistered

2

Friday, February 2nd 2007, 10:06am

RE: nichts halbes, nichts ganzes

Hallo Roland!

Was haben wir denn da?
Ein Klagelied auf das Mittelmaß des Lebens?
Eine Miniatur, die (mit) halb anfängt und ganz aufhört.
Die Zeilen malen ein finsteres Bild von Vergeblichkeit,
ohne daß ich sagen könnte, was sie genau von mir wollen,
fällt mir (warum auch immer) T.W.Adorno dazu ein:
"Es gibt kein wahres Leben im Falschen".
Die Eier des eigenen Nestes als Produkte der eigenen
Tätigkeit, die es Wert sind, zerschlagen zu werden?
Gibt man "sein Bestes" um zu bestehen?
Oder gibt man "das Beste" was einem bleibt
in einem Akt der finalen Resignation aus der Hand?
Der Text wirft viele Fragen auf und löst einen Assoziationssturm
aus, ohne daß es wirklich "einrastet" bei mir.
Vielleicht magst Du mir eine PN schicken, in der Du mir ein
wenig über die Brücke hilfst, denn die ist das Bild,
an dem ich hängenbleibe.
Der Klang des Gedichtes gefällt mir, genauso wie die
Prägnanz der Bilder, es "hämmert" mit seiner reduzierten
Sprache genau die Art von Pathos ins Hirn, die mir gefällt...
Für die unorthodoxe Streuung von Satzzeichen hast Du bestimmt
einen triftigen Grund, der sich mir allerdings noch nicht erschlossen hat.
Das mag daran liegen, daß es noch früh am Tag ist, oder an dem
Problem, was ich generell mit der etwas "moderneren" Lyrik habe.
Insgesamt eine Art düsteres Mantra, mit dem zu spielen sich lohnt,
aber um wirklich zu sagen: "Wow", oder "was soll das denn?", muss
ich das erst mal sacken lassen....
Danke für die Tagesdosis Frustration, alter Kryptiker.
;)

machtwort

resumee

Master

Date of registration: Oct 4th 2005

Posts: 523 wcf.user.activityPoints: 3,060

Location: NRW

Occupation: Pädagogin

3

Friday, February 2nd 2007, 12:04pm

besser ganz als halb?

Lieber A.E.,

es ist besser ganz zu sterben, als halb zu leben.

Nach der Zerstörung des Nestes (ein gewaltsamer Akt), gibt es nichts mehr, das auf neues Leben hoffen lässt. Die Eier werden nicht ausgebrütet.

Quoted

lade zur feier
des letzen festes
auf eine brücke


Das letzte Fest ein Symol für den Beginn der Endzeit? Nichts mehr danach, was Dich erfreuen kann? Das Fest findet auf einer Brücke statt. Die Brücke zwischen Leben und Tod?

Diese Situation hinterlässt Dich immer noch halb. Ganz werden kannst Du nur im Tod. Weil sich etwas wieder vereint, Du wieder komplettiert wirst? Oder gemeint als ganz statt halb weg?

Meine Vermutung:

Jemand hat seine/n Lebenspartner/In an den Tod verloren. Er versucht danach das für ihn in dieser Situation Beste: Das Nest bleibt leer, weil der Partner nicht mehr da ist, Familiengründung verliert ihren Sinn. Das letzte Fest könnte für die Beerdigung stehen, die eine Brücke baut vom Leben zum Tod. Die Auflösung dieses "halben Lebens" kann nur sein, dass er selbst auch stirbt.

Punkt.
Dies ist wohl der Fels, an dem die Besten scheitern, indem sie aufhören zu lieben, wenn sie beginnen zu erkennen.
Wohl jedem, der Erkenntnis errungen und Liebe bewahrt! (Dante)

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

4

Sunday, February 4th 2007, 7:38am

Brückenschlag

Hallo Stefan, hallo resumee,

ich danke für die Reaktionen, wenn auch eure Interpretationen haarscharf vorbeischrammen an der geplanten Aussage. Natürlich wird hier auf den ersten Blick eine destruktive Aufforderung an lebensmüden Suizidisten gemalt.
Aber diese ist höhnisch makaber, sie ist so überhöht in der Konsequenz und so vereinfacht in der Argumentation, dass die "Lebenslösung Selbstmord" als perverser Abweg und nicht als Ausweg persifliert wird:

Bist Du halb kaputt, dann gib Dein "bestes" und schlage den Rest auch noch zu Brei, zerstöre alle Dinge, die Dich im Leben halten, dann stribt es sich ganz ungeniert. Du konntest ja eh nichts mehr dran ändern, oder. Hast Du es so weit geschafft, dann mache eine Party draus, feiere ein Fest auf der Brücke, von der Du Dich stürzt, und rede Dir ein, der Tod sei das einzige Positive im Leben, wenn man nicht auf dessen Sonnenseite steht. Tu's doch, Du Narr, Deine Sorgen bist Du dann los, versprochen.

Aber Sorgen gehören zum Leben, daher ist es ein grobes Foul, sich ihrer durch das profane Mittel des Todes zu entledigen.

Die Satzzeichen sind hier nicht wie sonst zwischen Satzteilen, sondern zwischen den Strophen gesetzt, um sie oprisch zu strukturieren und den Ablauf zu unterstreien.

Die "Brücke" ist zugleich als Schwelle zwischen Leben und Tod als auch das klassische Ding zum Runterhopsen zu verstehen :D

AE
Sammelsurium: Werkesammlung


resumee

Master

Date of registration: Oct 4th 2005

Posts: 523 wcf.user.activityPoints: 3,060

Location: NRW

Occupation: Pädagogin

5

Sunday, February 4th 2007, 12:08pm

Lieber aNFANGENDe,

prima! Ich wollte schon immer mal wissen, wie es ist, mit einer Interpretation total daneben zu liegen. *schmunzelt.

Die Bilder, die mich in die Irre führten, waren

die eier des eigenen nestes

weil für mich klar schien, dass es sich dabei (da von einem Mann geschrieben) sicher auch um eine Frau handeln müsste.

lade zur feier des letzten festes

Geht das? Sich selbst einladen? Ein Fest ist für mich im Übrigen auch etwas, was ich nicht alleine begehe.

nimmt dir schon morgen
das sterben des restes


In der Zeitabfolge schien mir klar, dass das Fest heute ist und morgen (oder in Zukunft) das Sterben liegt. Deshalb wäre ich auf den Selbstmord auf der Brücke keinesfalls gekommen.

Das kann natürlich an mir liegen, aber vielleicht sind die Bilder auch nicht ganz klar.

Grüßle am Sonntag,
verbleibe bis Montag

resumee
Dies ist wohl der Fels, an dem die Besten scheitern, indem sie aufhören zu lieben, wenn sie beginnen zu erkennen.
Wohl jedem, der Erkenntnis errungen und Liebe bewahrt! (Dante)

Date of registration: Dec 23rd 2006

Posts: 1,181 wcf.user.activityPoints: 6,805

6

Sunday, February 4th 2007, 5:03pm

@ resumee

das lyr.Ich spricht heute mit dem lyr. Du und sagt ihm, was es "am besten" täte, also heute Nest = Dinge, die noch im Leben halten, zerkloppen, zum letzten Fest laden = eigenen Abgang planen, und morgen inszenieren. Das Semikolon steht zwischen dem Heute und dem Morgen.

AE
Sammelsurium: Werkesammlung


wcf.user.socialbookmarks.titel