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Sarisand

Professional

Date of registration: Jan 10th 2007

Posts: 291 wcf.user.activityPoints: 1,755

Location: Dransfeld (Niedersachsen)

Occupation: Studentin (Ägyptologie/Ur- und Frühgeschichte) und MAMA ;)

1

Friday, January 19th 2007, 12:13pm

Der kleine Stein

Er hob den Stein auf und drehte ihn in seiner Hand hin und her. Flint, oder Feuerstein, wie man ihn auch nannte. Massen lagen davon am Strand, abertausende, welche die Menschen kaum eines Blickes würdigten. Nur ab und zu wurde ein besonders farbiger, gesprenkelter, gelochter oder geformter aufgelesen und in die Plastiktüten der Touristen verfrachtet. Diese Glücklichen landeten dann in meerfernen Wohnzimmern als Urlaubssouveniere in der Anbauwand und später verstaubt in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden.
Ein trauriges Schicksal für die kleinen Vertreter des großen Flintvolkes, wie er plötzlich bedachte. Wie würde mir das gefallen, in einem Pappkarton mein Dasein zu fristen? Würde ich nicht auch lieber hier bleiben wollen, am Strand, zwischen Sand, Wasser, Algen und Wind?
Der Flint in seiner Hand war mittlerweile warm geworden, als wäre er lebendig. Es schien ihm plötzlich, als würde eine kleine Kerze, ein Lebenslicht, im Inneren des Steins flackern. Wie in Trance ging er in die Knie und ließ sich auf einen fassgroßen Felsen nieder. Mit den Beinen planschte er abwesend im Wasser, starrte auf den Flintstein und ließ seine Gedanken schweifen.
Die Steine, der Sand und das Wasser, sie waren uralt – sie bevölkerten die Erde schon so lange, dass sein eigenes und das eines jeden Menschen zu einem Nichts dagegen verblasste. Was konnte er schon aus den wenigen Jahren seines Daseins berichten, was hatte er besonderes vorzuweisen, was hatte er erlebt? Den ersten Genmais? Den Mauerfall? Die erste Bundeskanzlerin? Sicherlich interessierten solche Kleinigkeiten den Feuerstein kaum, hatte er doch ein Leben mit furchtbaren Kriegen, Flutwellen und Stürmen, voller schöner Sommertage, unzähliger Möwenlieder und spielender Kinder vorzuweisen! Abermillionen Menschen hatte er kennengelernt, Krabben im Weg gelegen und Fischen Hallo! gesagt. Der Stein musste ein welterfahrenes, sehr weises Etwas sein, wie er nun feststellen musste. Ein Etwas, dass lange vor ihm den Planeten bewohnt hatte und es auch nach seinem Tod noch würde.
Er wusste nicht, wie lange er sinnend auf dem Felsen gesessen hatte, es mochten Stunden gewesen sein. Die Sonne hatte ihren Sinkflug auf das weite Nass fast vollendet und tauchte das Wasser, Himmel und Strand in ein leuchtendes Farbenmeer. Schließlich senkte er seine Hand zu Boden und legte den kleinen Flint ehrfürchtig in den Sand zurück. Er sagte Lebewohl!, erhob sich und ging langsam nach Hause.

Marot

Administrator

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Location: bei dir zuhause, wenn du willst, weiblich bist und Sommersprossen hast

Occupation: Bademütze

2

Friday, January 19th 2007, 1:33pm

Hi, Sarisand,
eine interessante Geschichte, und stilistisch kaum zu bemängeln.

Quoted

welche die Menschen kaum eines Blickes würdigten


Einzig diese Fomulierung kann leicht irreführend wirken. Für mich bezieht sich hier das "welche" auf das Subjekt " massen" im Hauptsatzt, wodurch der Eindruck erweckt wird die Steine würden die Menschen keines Blickes würdigen.
Einzig aus dem Wissen heraus, dass dies nicht möglich ist ( obwohl dies ja am Ende des Textes sogar bezweifelt wird) versteht man es richtig.

Ansosnten ist der Text sehr rund und knackig. Thematisch greift er nichts wirklich neues auf, aber schafft es die Flintsteine sehr symphatisch und märchenhaft wirken zu lassen.
die Philosophie dahinter erscheint mir allerdings nicht ganz schlüssig.
Wenn ein solcher Stein den ganzen Tag in der Sone nah dem Wasser rum hängt und das abermillionen jahre, wie viel kann er da schon lernen von der Welt? Spätestens nach einem Monat hat er doch alles erlebt was der Rede wert wäre, zumal er sich ja nichtmal bewegen kann. Höchstens Ebbe und Flut könnten seinen Standort und damit seine Perspektive verändern, und das auch nur ein wenig.
Kriege und weltverändernde Ereignisse bekommt er ja auch nicht wirklich mit, weil er nur am stand rum liegt, also kann man so etwas auch nicht zu seinem Erfahrungsschatz rechnen selbst wenn er zu selben zeit existiert hat.
Klar, ein paar besondere Dinge wird er schon mitgenommen haben, wie etwa die große Flut von 1842 oder das Erdbeben von 1912, aber letztlich bedeutet das ja in seiner riesigen lebensspanne nichts. Warscheinlich merkt er es nichtmal wenn es rumpelt.
Das einzige was der Stein vorweisen kann ist Alter, und das kann man ihm ja kaum als Leistung anrechnen. Man könnte sogar fast sagen, der Stein ist ein Versager, denn er hat ein so langes Leben und macht nichts drauß. da sist wie ein Kerl de rkein bock auf arbeiten hat und deshalb den ganzen tag am stand rumhängt, und das am Ende noch als philosophisch abtut .
;)
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Heilige Johanna der Schlachthöfe / Bertholt Brecht

sim

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Location: Hamburg

3

Friday, January 19th 2007, 5:24pm

Hallo Sarisand,

es ist ein bisschen Sternenkoller, den du beschreibst. Normalerweise brauchen die meisten Menschen einen Blick in die Weite des nächtlichen Himmels, um demutsvoll zu sülzen, dass sie doch nur ein Staubkorn wären.
Bei dir sind es die Elemente Wasser und Erde, die Ehrfurcht hervorrufen. Und doch langen sie nicht allein. In der Demut steckt Arroganz, die den Elementen menschliche Eigenschaften zuteilt. Erst durch die Wesenhaftigkeit des Steins, durch die Fähigkeit zu sehen und zu erleben, gerät der Betrachter in Verzückung und in Trance. Könnte er ihn ohne dieses Wesen nicht achten? Wo bleibt die Ehrfurcht vor den Dingen?
Details:

Quoted

Massen lagen davon am Strand, abertausende, welche die Menschen kaum eines Blickes würdigten.
Marot hat es schon angesprochen. Hier wird durch den Perspektivwechsel der Bezug falsch. es muss heißen: welche von den Menschen kaum eins Blickes gewürdigt wurden.

Quoted

sie bevölkerten die Erde schon so lange, dass sein eigenes und das eines jeden Menschen zu einem Nichts dagegen verblasste.
sein eigenes was?

Quoted

Der Stein musste ein welterfahrenes, sehr weises Etwas sein, wie er nun feststellen musste.
Die Bezeichnung "Etwas" liest sich, als wäre der Autorin partout nichts eingefallen.

Quoted

Ein Etwas, dass lange vor ihm den Planeten bewohnt hatte
Etwas, das lange ...

Quoted

und tauchte das Wasser, Himmel und Strand in ein leuchtendes Farbenmeer.
wenn konsequent auf alle Artikel verzichten. tauchte Wasser, Himmel und Strand

Lieben Gruß, sim
Texte einer multiplen Persönlichkeit

I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)

Sarisand

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4

Saturday, January 20th 2007, 6:19pm

Hallo,
danke für die Kritik und Hinweise, werde mir den Text nochmal vornehmen... :)

@Marot
"Man könnte sogar fast sagen, der Stein ist ein Versager, denn er hat ein so langes Leben und macht nichts drauß. da sist wie ein Kerl de rkein bock auf arbeiten hat und deshalb den ganzen tag am stand rumhängt, und das am Ende noch als philosophisch abtut."
Ein sehr interesanter Vergleich, muss ich schon sagen!

@sim
"Erst durch die Wesenhaftigkeit des Steins, durch die Fähigkeit zu sehen und zu erleben, gerät der Betrachter in Verzückung und in Trance. Könnte er ihn ohne dieses Wesen nicht achten? "
Ich würde mal sagen, der protagonist ist einer von der Sorte, bei dem ein "Blick in die Weite des nächtlichen Himmels" leider nicht ausreicht.

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