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Date of registration: Dec 23rd 2006

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1

Sunday, December 24th 2006, 1:29am

Seelenwinter

Das sommersatte Grün
liegt am Boden zerstört
zersetzt und
aufgelöst.

Die Bäume im Wind
haben zu klappern begonnen.

Herbstmattes Grau setzt ein.

Fest steht der Straßenfeger in seinen Stiefeln,
der das Laub fegt
und bald den Schnee.

Ein Straßenmusikant geigt
mit steifen Händen
still vor sich hin.
In seinen Hut schwebt saftigrot
das letzte Blatt des Ahornbaums
und schmiegt sich an den grauen Filz.

Der Rohbau gegenüber
atmet feuchtkalte Luft
aus dunklen Fenstermündern.

Selbst wo Licht brennt hinter den Fenstern
zermürbt es der Nebel
zu fahlem Schein.

Inmitten des Grauen ein Mädchen
mit fröhlichen Augen,
und ich denke:
Du bist der Frühling!

Und im Traum trinke ich ihr Haar
durch das der Regen rinnt.
Sammelsurium: Werkesammlung


GEO

Unregistered

2

Saturday, December 30th 2006, 2:28pm

RE: Seelenwinter

Hallo Anfangende,

Formal:

Das Gedicht besitzt eine Form die man mit „frei“ betiteln könnte. eine Regelmäßigkeit auf metrischer oder strophischer Ebene ist nicht erkennbar. Auf die Verwendung auffälliger, rhetorischer Figuren wurde weitestgehend verzichtet. Beim Lesen des Textes bekommt man bisweilen den Eindruck, es handele sich um, in Verse gebrochene, Prosa. Dieser Eindruck entsteht insbesondere dadurch, dass die Bedeutung des Textes (oder seine Wirkung auf den Leser) nicht variiert, wenn man die Verse einfach hintereinander weg liest.

Beispiel:

Quoted

Das sommersatte Grün
liegt am Boden zerstört
zersetzt und
aufgelöst.


Diese Verse lassen sich problemlos, ohne Veränderung wesentlicher Wirkungsparameter, auch so notieren: Das sommersatte Grün liegt am Boden zerstört, zersetzt und aufgelöst.
Am Bild, welches diese Zeilen transportieren ändert sich nichts. Auch die Wirkung bleibt fast identisch.

Ein Beispiel, welches diese Beliebigkeit der Zeilenumbrüche noch drastischer unterstreicht ist Folgendes:

Quoted

Die Bäume im Wind
haben wieder zu klappern begonnen.


Es gibt praktisch kaum einen Grund die Zeilen nicht auch in einer Zeile zusammenzufassen, sieht man von der geringfügigen „Entschleunigung“ des Leseflusses einmal ab. Diese Beliebigkeit wirkte ein wenig flach auf mich. Betrachtet man die strophische Struktur, so fällt auf, dass die Strophen lediglich der Abgrenzung der einzelnen, im Gedicht umschriebenen, Bilder dient. Jede Strophe mutet wie ein Foto an, auf dem ein, für den Herbst typisches, Motiv abgebildet ist.

Inhalt:

Ich blätter mal das „Seelenwinter – Poesiealbum“ durch:

Quoted

Das sommersatte Grün
liegt am Boden zerstört
zersetzt und
aufgelöst.


Dem Laubbewuchs ist seine grüne Farbe verlustig gegangen. Ferner liegt er bereits am Boden und scheint der Zersetzung anheim gegeben, was einem , für Herbst und Winter, nun wirklich nicht besonders erstaunlichen Tatbestand entspricht. Kurz : Wer hätte es gedacht, im Winter liegt das Laub auf dem Boden und wird sogar zersetzt. Mit dieser ironisierten Überspitzung will ich eigentlich nur den „Abgedroschenheitsgrad“ des, von dir konstruierten, Bildes verdeutlichen. Welke Blätter und „kaputtes“ Grün - das sind Standardbilder wenn es um die Illustration des „Vergänglichkeitscharakters“ dieser Jahreszeit geht.

Quoted

Die Bäume im Wind
haben wieder zu klappern begonnen.


Zur optischen Charakterisierung winterlicher Impressionen, wird mit S2 nun auch ein akustisches Element hinzuaddiert. „Die Bäume klappern wieder im Wind“, und dem Leser bei dem Gedanken auch gleich die Zähne: Hui da fröstelts einem gleich doppelt. Klar das bei der, durch Entlaubung zustande gekommenen, mechanischen Veränderung der Bäume auch deren akustischer Output anders ist. Statt heimeligem Sommerrauschen haben wir nun ein „bibberbrutales“ Klappern zu ertragen.

Quoted

Herbstmattes Grau setzt ein.


Zu allem Überdruss und damit jeder, aber auch jeder nun bescheid weiß: DER HERBST IST GRAU!!
Gibt es überhaupt Begriffe, welche assoziativ näher aneinander liegen als „Herbst“, „Grau“ und „Matt“? Okay, mir fällt da spontan „Auto“ , „Reifen“ und „Lack“ als passendes Äquivalent ein.

Quoted

Fest steht der Straßenfeger in seinen Stiefeln,
der das Laub fegt
und bald den Schnee.


Da wir ja nun ausreichend über den Entlaubungsgrad des klappernden Baumbestandes informiert sind, drängt sich natürlich die Frage auf: Wer macht nun hier sauber?
Klar das da die hiesige Straßenreinigung, hier verkörpert durch einen anachronistischen Straßenfeger, nicht fehlen darf. Mit Verlaub: Welche Straßenreingungsfirma setzt heutzutage noch auf kostenineffiziente Besen zur Schnee und Laub Beseitigung? Ich kenne da eigentlich nur noch motorbetriebene Pustemaschinen und „Straßensauberwischmaschinen“. Zu allem Überdruss wird dem Leser noch die chronologische Reihenfolge der zu beseitigenden Verunreinigungen offeriert: Zu erst das Laub und später dann der Schnee. Ganz nach dem Motto : Erst der Herbst und dann der Winter.
Alles schön der Reihenfolge nach, so wie wir das alle im Kindergarten schon beigebracht bekommen haben.

Quoted

Ein Straßenmusikant geigt
mit steifen Händen
still vor sich hin.
In seinen Hut schwebt saftigrot
das letzte Blatt des Ahornbaums
und schmiegt sich an den grauen Filz.


Diese Strophe ist zwar auch nicht gerade innovativ, brilliert jedoch durch seine stimmungsvolle Bildkomposition schon etwas. Hier ist zumindest etwas interessante Metaphorik, verkörpert durch das magnesiumfackelhell leuchtende Bild des saftigroten Ahornblattes, erkennbar. Um die ganze Tragweite dieses heruntersegelnden „letzten Mohikaners floristischer Machart“ zu unterstreichen, landet dieses auf der Kontrast gebenden Gräue des Filzhutes. Zu Bemängeln ist eigentlich nur die Assoziationsnähe der einzelnen Bilder zueinander. Alles wirkt irgendwie ohne rechtes „Überraschungspotenzial“.



Quoted

Der Rohbau gegenüber
atmet feuchtkalte Luft
aus dunklen Fenstermündern.


Hier habe ich nichts zu monieren. Das Bild gefällt mir recht gut, da es relativ unverbraucht wirkt.


Quoted

Selbst wo Licht brennt hinter den Fenstern
zermürbt es der Nebel
zu fahlem Schein.


Auch dieses Bild ist gut gestaltet worden, riecht jedoch wieder nach Klischee. Irgendwie ist mir dieses Bild allzu vertraut um zu verblüffen. Nebelstimmungen sind auch schon in hinreichender Anzahl und Variation beschrieben worden – Sehr schwer da noch etwas Neues zu erfinden. Außerdem wirkt das Bild vom Nebel wie ein penetranter Fingerzeig auf die Tatsache das wir Winter/Herbst haben, was der Leser aber mittlerweile auch schon realisiert hat.

Quoted

Inmitten des Grauen ein Mädchen
mit fröhlichen Augen,
und ich denke:
Du bist der Frühling!


Auch hier habe ich nichts gegen die Bildkomposition einzuwenden, welche sich vor dem Hintergrund der, in den vorhergehenden Strophen konstruierten, „grauen“ Bilder sehr kontrastreich hervorhebt.
Der Leser ist bis zu dieser Strophe schon derart „ergraut“ und „beklappert“, dass Begriffe wie : Mädchen, fröhlich, Frühling, ihn ja zwangsläufig aus seinem Dämmerzustand reißen müssen.

Quoted

Und im Traum trinke ich ihr Haar
durch das der Regen rinnt.


Auch diese letzte Strophe wirkt irgendwie nicht neu, ist aber dennoch unbestritten lyrisch. Die Vertauschung der Begriffe Haar und Regen entspricht einer trickreichen Idee um die Verse interessant wirken zu lassen. Schade, dass die anderen Verse derlei Pfiffigkeit zumeist vermissen lassen.


Fazit:
Wem schon bekannt ist welche Wirkung der Herbst auf Bäume, Farbgebung und Straßenreinigung hat, dem sei vom Lesen der Strophen 1-4 abzuraten. Danach wird jedoch die eine oder andere interessante Sache geboten. Unterm Strich bleibt der Leser jedoch in enttäuschter Stimmung zurück.

Grüße
GEO

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3

Saturday, December 30th 2006, 5:47pm

RE: Seelenwinter

Lieber GEO,

danke für Deine ausführliche Rezension. Genauso ausführlich verdient sie es, beantwortet zu werden, erst recht, da Du offenkundig in einen Text, obgleich er Dir nicht gefallen hat, dennoch viel Mühe und Zeit gesteckt hast. Andere klicken einfach zum nächsten Gedicht, Du nicht. Das erkenne ich besonders an.

Quoted

Original von GEO
Formal:
Es gibt praktisch kaum einen Grund die Zeilen nicht auch in einer Zeile zusammenzufassen, (...)


Eigentlich hattest Du meine Intention hierfür durchaus erkannt: Einzelbilder herzustellen, im Wechselspiel von Standard und Abwandlung, Positiv und Negativ. Warum Du keinen Unterschied der Wirkung feststellen kannst, wenn man sich zuerst "Bäume im Wind" vorstellt, also voll belaubte rauschende saftig-grüne, und erst danach dieses Bild gewandelt wird zu "klappernden", also nackten, kahlen und trostlosen Bäumen, erschließt sich mir nicht. Dies jedenfalls war die Intention für die durch die Versdiktion unterstrichene Darstellung in Einzelbildern.

Was die Strophen angeht, hast Du diesen Bildcharakter dann jedoch festgestellt:

Quoted

Betrachtet man die strophische Struktur, so fällt auf, dass die Strophen lediglich der Abgrenzung der einzelnen, im Gedicht umschriebenen, Bilder dient. Jede Strophe mutet wie ein Foto an, auf dem ein, für den Herbst typisches, Motiv abgebildet ist.


Zur ersten Strophe: Die Wortfolge "zerstört, zersetzt und aufgelöst" ist ein Hitler-Zitat. Er bezog es in der entstammenden, ziemlich furchtbaren Rede freilich nicht auf Laub. Das muss man jedoch wissen, um es erkennen. Es ist auch übertragen verwandt und ohne Anspruch auf einen direkten Zusammenhang, bis auf die mörderische Totalität, durch die sich dieser zeitlebens im schlechtesten Sinne auszeichnete.

"Herbstmattes Grau setzt ein." ist für Dich also nichts Neues, und daher schwach? Ich male hier ein Bildgebäude auf. Ob dafür eine metaphorische Weltneuheit vonnöten ist, ist diskutabel, sicher geht das lyrisch anspruchsvoller. In Ordnung.

Der Straßenfeger: Du scheinst an dieser Stelle regelrecht nach Gründen zu suchen, um Spott hervorkehren zu können. Auf mich wirken die Formulierungen Deiner Kritik an dieser Strophe schon reichlich Lehrmeisterhaft und arrogant (Du nennst es ironisierend, das macht es aber nicht besser). Zumal Deine Anknüfungspunkte von einer seltsam vorgefassten Erwartungshaltung geprägt zu sein scheinen und hierdurch in der Sache abwegig bleiben. Ein bedeutungsschweres, lyrisch hypermodernes Bild hast Du erwartet, ein klassisches, archaisch-typisches Stimmungsbild wollte ich geben. So what? Deine Aversion gegen Klischeebilder und Abgedroschenes in allen Ehren, aber wenn es doch genau dieses banal-trostlose Bild ist, was entstehen soll (später dazu mehr), vermag ich in Deinen Hinweisen auf zeitgemäße Straßenreinigungsutensilien mehr Kindergartenniveau zu entdecken, als Du meiner Darstellung dieses "Fotos" vorwirfst. Besser wärest Du in Deiner Interpretation darauf eingegangen, warum in dem diffusen nebligen Gesamtbild hier dieser Straßenfeger "fest in seinen Stiefeln" steht. Darin lag nämlich durchaus ein Hinweis, aus dem Rückschlüsse auf das lyrische Ich hätten gezogen werden können, hätte man auf der Jagd nach unwürdigen Methaphern und Klischees dann auch noch die Gesamtaussage des Gedichtes erkannt...
Ich sage nochmals: Es geht hier um die Erzeugung einer Stimmung, nicht um heutige Realitäten oder darum, dass entnervende Laubgebläse vielleicht weniger Klischeehaft sind als Straßenfeger, die es übrigens, selbst mit Reisigbesen, noch bei jeder Straßenreinigung gibt. Damit gelingt es nämlich besser, die Zigarettenkippen für die Kehrwagen erreichbar aus Pflasterritzen zu holen. Wirklich wahr! :D Egal, selbst Du kannst nicht alles wissen, also zurück zum Thema: Laubgebläse und Schneepflüge sind mir eindeutig zu LAUT für die Darstellung einer stillen, resignativen Kulisse, das unaufhaltsame Schwinden des warmen, schönen Sommers der Seele des lyrischen Ichs.

Quoted

Alles wirkt irgendwie ohne rechtes „Überraschungspotenzial“.

Ach - soll es das, überraschen? Entscheidest DU, was ein Text soll, oder der Autor? Was ist denn überraschend am Hereinbrechen von Herbst und Winter? Schreib Du bitte den erwachsenen Text, der mich mich höchstem Erstaunen aufschrecken läßt: Huch, sowas, ist ja Herbst geworden, war doch erst letztes Jahr einer? Also bei allem Respekt, Du interpretierst wie eine Krähe, gierig nach auszuhackenden Augen. Gerne nehme ich Kritik an, aber wenn Du mit der selben Oberflächlichkeit agierst, die Du dem Text gleichzeitig vorhältst, hole ich gerne die Schleuder hervor... :D

Quoted

Hier habe ich nichts zu monieren. Das Bild gefällt mir recht gut, da es relativ unverbraucht wirkt.


Ohh, das hatte nach dem bisher gesagten durchaus Überraschungspotential -freut mich ;)

Und dennoch suchst Du schon in der nächsten Strophe wieder nach Überraschungen. Bildlich war keine geplant, wie schon gesagt, sprachlich nehme ich die Kritik natürlich gerne an.

Die unerwartete Umkehr in der Strophe "Inmitten des Grauen..." hast Du eigentlich zutreffend in den Zusammenhang eingeordnet. Dass der Leser zuvor von bewusst mehrfachen und überwiegenden negativen Bildern "zugeklappert" wurde, auch. Gerade dieses Einlullen in einen Rundumblick von Trostlosigkeit war mein Ziel, um das plötzliche Umschwenken radikaler wirken zu lassen. Ich behaupte nach wie vor, dass es für das Errichten dieses Stimmungsbildes nicht ausreicht, einfach zu sagen "es wird Herbst, bald Winter, der Rest und wie das so aussieht, ist sowieso bekannt". Ja, ich gehe noch weiter: gerade die Klischeehaftigkeit der Bilder ist besonders geeignet, jeden Erwartungshorizont des Lesers hinsichtlich der Wende in den letzten zwei Strophen vollständig abzusenken. Je tiefer, desto größer der gefühlte Umbruch. Dies war meine Idee. Aber dass es DEN Erwartungshorizont oder DEN Leser so nicht gibt, zeigt mir, wie sehr dieses Ziel in Deinem Fall von mir verfehlt wurde. Allein mir fehlt der Glaube, dass man es jedem recht machen kann - und muss.

Quoted

Die Vertauschung der Begriffe Haar und Regen entspricht einer trickreichen Idee um die Verse interessant wirken zu lassen.


Nicht nur das. Es geht hier durchaus nicht nur um ein Wortspiel, sondern um das Aufflammen von Liebe und Begehren, die den Seelenwinter (->Titel) mit einem Male überwinden lassen.

Damit sind wir bei der Gesamtaussage und Konzeption des Gedichtes.
Die Spiegelung seelischer Zustände in Jahreszeitenbildern war hier nichts als ein Stilmittel. Dies ist kein Jahreszeitengedicht. Es ist ein Liebesgedicht und beschreibt die Macht, die Hoffnung auf Liebe auf Menschen ausübt, die Stärke und Lebenskraft, die sie ihnen von einer Minute auf die andere verleiht, seien Sie auch noch so tief im Tränental, im "Seelenwinter".
Das Überwinden selbst wird am Ende des Gedichtes nur durch die Erzeugung eines Nachhalles angerissen; der Leser kann sich so von dem unerwarteten neuen Ausgangspunkt selbst seine weiteren Vorstellungen errichten und ausmalen. Da jeder auf seine weise das Gefühl kennt, wie neue Liebe in einer zuvor einsamen, im "Winter" befindlichen Seele Raum greift, sollte das nicht weiter schwer fallen...

Insgesamt möchte ich Dir für Deine ausführliche Rezension danken, die Kritik zu lyrisch weniger tiefgehenden Passagen nehme ich gerne an.
Andererseits bin ich so selbstbewußt, Dir bei anderen Vorhaltungen entschieden zu widersprechen. Die Enttäuschung, in der ein Text einen Leser zurückläßt, was ich natürlich bedaure, ist direkt verknüpft mit einerseits dem Text selbst und dessen Quailität (soweit einer Kritik zugänglich), andererseits aber auch mit den subjektiven Erwartungen des Lesers. Wenn Du Dinge suchst und einem Text abverlangst, die dieser niemals liefern wollte und sollte, bleibt nur eine Diskrepanz zu Deinem persönlichen Geschmack festzuhalten, nicht jedoch eine objektive Aussage über den Text selbst. Erst recht, wenn ich in einer Interpretation Hinweise darauf vermisse, dass Intention, Konzeption und Aussage überhaupt hinreichend verstanden wurden.

Dennoch danke für die Auseinadersetzung, genau hierfür habe ich den Text ja in dieses Forum eingestellt. Ich habe lieber negatives Feedback als gar keines. Also nix für ungut :D

LG
aNFANGENDe
Sammelsurium: Werkesammlung


GEO

Unregistered

4

Sunday, December 31st 2006, 1:00am

RE: Seelenwinter

Hallo Anfangende,

Ich finde es Klasse dass du dich auf einem derart hohen Niveau auf eine Diskussion einlässt. Ich denke, dass aus solchen Diskussionen, sowohl für den Rezensenten als auch für den Kritisierten, eine Menge „herausspringen“ kann. Ich versuche mal so gut wie möglich auf deine Argumente und Kritikpunkte einzugehen.


Quoted

Warum Du keinen Unterschied der Wirkung feststellen kannst, wenn man sich zuerst "Bäume im Wind" vorstellt, also voll belaubte rauschende saftig-grüne, und erst danach dieses Bild gewandelt wird zu "klappernden", also nackten, kahlen und trostlosen Bäumen, erschließt sich mir nicht. Dies jedenfalls war die Intention für die durch die Versdiktion unterstrichene Darstellung in Einzelbildern.


Wenn sich Bäume im Wind „aufhalten“, impliziert das mitnichten, dass diese sich im saftig belaubten Zustand befinden. Im Gegenteil, der Leser wird doch schon durch den Titel auf Herbstlich/Winterliches eingestimmt und wird daher auch eher an entlaubte Bäume denken. Ein weiteres Argument ist der Wind, der für den Herbst doch charakteristisch ist. Also die Gleichung „Bäume im Wind“ = „saftig grün“ ist ziemlich weit hergeholt (ja sogar absurd). Natürlich gibt es Bäume im Wind die belaubt sind. Aber es gibt eben keine Bäume die belaubt sind wenn gerade Winter/Herbst ist. Und die Erwartungshaltung( gelenkt durch den Titel) des Lesers ist nun mal so strukturiert, dass er an entlaubte Bäume denkt. Deine „Bildwandlungsthese“ lässt sich also locker entkräften.




Quoted


Zur ersten Strophe: Die Wortfolge "zerstört, zersetzt und aufgelöst" ist ein Hitler-Zitat. Er bezog es in der entstammenden, ziemlich furchtbaren Rede freilich nicht auf Laub. Das muss man jedoch wissen, um es erkennen. Es ist auch übertragen verwandt und ohne Anspruch auf einen direkten Zusammenhang, bis auf die mörderische Totalität, durch die sich dieser zeitlebens im schlechtesten Sinne auszeichnete.


Wie du selbst sagst, hat das Hitlerzitat keinen direkten Zusammenhang zu deinem Gedicht und kann daher auch schwerlich dazu dienen die Zeilen schönzureden. Verstehe mich nicht falsch: Ich selber habe auch schon die viel bekannte Blattmetaphorik verwendet um Vergänglichkeit darzustellen, mittlerweile aber (nach der Lektüre tausender Gedichte mit welken Blättern) als totales Klischee erkennen müssen. Es bringt einfach nichts: Das Bild ist abgedroschen und verbraucht. Da hilft auch kein Hitlerzitat.


Quoted

"Herbstmattes Grau setzt ein." ist für Dich also nichts Neues, und daher schwach?


Ja, sehr schwach. Dieses Bild ist eben höchst gewöhnlich und wirkt im Leser deshalb kaum. Ich kann da nichts für, solange dieses Bild nicht in irgendeiner Art innovativ Verwendung findet, wirkt es nur wie ein sprachliches Modul, das man mit anderen Modulen zusammenstöpselt um ein 08 15 gedicht zu kreieren. Ich selber habe schon eine Menge dieser „Stöpselgedichte“ gelesen und auch selbst verbrochen.

Quoted

sicher geht das lyrisch anspruchsvoller. In Ordnung.


Dann mach es anspruchvoller! Falsches Mitleid gegenüber verbesserbarer Lyrik ist vollkommen fehl am Platz. Verstehe mich nicht falsch, aber ich denke das gute Lyrik immer ein Ergebnis eines Kampfes ist. Mein Motto: Schlechte Zeilen sichten und vernichten und das ohne Gnade und Ausrede. Ich weiß dass das oft anstrengend und frustrierend ist, aber wer Gutes machen will muss da durch. Ich kann selber sagen, dass mir ein Großteil meiner eigenen Lyrik wie Verbalmüll anmutet. Diesen Müll muss man produzieren um weiterzukommen. Sollte dann aber auch keine Kompromisse eingehen, wenn es darum geht sich weiterzuentwickeln. Wischiwaschimentalität ist mitnichten in der Lage etwas wirklich Gutes hervorzubringen.

Quoted

Der Straßenfeger: Du scheinst an dieser Stelle regelrecht nach Gründen zu suchen, um Spott hervorkehren zu können. Auf mich wirken die Formulierungen Deiner Kritik an dieser Strophe schon reichlich arrogant (Du nennst es ironisierend, das macht es nicht besser), zumal Deine Anknüfungspunkte von einer seltsam vorgefassten Erwartungshaltung geprägt zu sein scheinen und hierdurch in der Sache abwegig bleiben.


Wenn dein Gedicht eine freie Form besitzt und am Anfang des 21 Jahrhunderts geschrieben wurde, dann verlange ich authentische Bilder. Hättest du ein klassisches Gedicht schreiben wollen, dann hätte ich dieses anachronistische, unzeitgemäße Bild sofort akzeptiert. Dein Gedicht ist aber eine Mischung aus „klassischem Klischee“ und freier Form. Diese Aspekte wirken konträr und machen einen schlechten Eindruck. Okay: Den Straßenfeger akzeptiere ich ja auch, aber es gibt heutzutage einfach keine Straßenfeger mehr, welche die Straßen vom Schnee freihalten. Zeig mir mal einen beruflich tätigen Straßenfeger der die Straße mit einem Besen vom Schnee frei kehrt. Dieses Bild ist murks – Sorry ich bin da ohne Wenn und aber. Das Zusammenspiel von Form und Inhalt muss Authentizität vermitteln.

Quoted

Ein bedeutungsschweres, lyrisch hypermodernes Bild hast Du erwartet, ein klassisches, archaisch-typisches Stimmungsbild wollte ich geben. So what?


Okay, das akzeptiere ich auch, aber typische Klischees sind dennoch Murks³

Quoted

Deine Aversion gegen Klischeebilder in allen Ehren, aber wenn es doch genau dieses banal-trostlose Bild ist, was entstehen soll (später dazu mehr), vermag ich in Deinen Hinweisen auf zeitgemäße Straßenreinigungsutensilien mehr Kindergartenniveau zu entdecken, als Du meiner Darstellung dieses "Fotos" vorwirfst. Besser wärest Du in Deiner Interpretation darauf eingegangen, warum in dem diffusen nebligen Gesamtbild hier dieser Straßenfeger "fest in seinen Stiefeln" steht. Darin lag nämlich durchaus ein Hinweis, aus dem Rückschlüsse auf das lyrische Ich hätten gezogen werden können, hätte man nur die Gesamtaussage des Gedichtes erkannt...


Du willst mir also deine Klischeebilder als absichtlich klischiert, stilistisches Mittel verkaufen – Hui das hat vor dir noch niemand versucht.
Das in dem Stifelbild eine tieferliegende Bedeutungschschicht verborgen liegt glaube ich dir gerne. (Ich geh da später mal genauer drauf ein)

Quoted


Ich sage nochmals: Es geht hier um die Erzeugung einer Stimmung, nicht um heutige Realitäten oder darum, dass entnervende Laubgebläse vielleicht weniger Klischeehaft sind als Straßenfeger, die es übrigens, selbst mit Reisigbesen, noch bei jeder Straßenreinigung gibt. Damit gelingt es nämlich besser, die Zigarettenkippen für die Kehrwagen erreichbar aus Pflasterritzen zu holen. Wirklich wahr!


Dagegen habe ich nichts einzuwenden, ich meinte ja auch den Feger der den Schnee mit seinem Besen wegräumt. Deine Kippen kann er meinetwegen wegkehren. :D

Quoted

Zurück zum Thema: Laubgebläse und Schneepflüge sind mir eindeutig zu LAUT für die Darstellung einer stillen, resignativen Kulisse, das unaufhaltsame Schwinden des warmen, schönen Sommers der Seele des lyrischen Ichs.


Ok Ok ;)


Quoted

Zitat:
Alles wirkt irgendwie ohne rechtes „Überraschungspotenzial“.

Ach - soll es das, überraschen? Entscheidest DU, was ein Text soll, oder der Autor?



Vorsicht: Hier konterst du mit argumentativen Nullsummen. Natürlich entscheidet immer der Autor was sein Text werden soll, aber der Leser entscheidet immer noch selbst woran er seine Bewertungen orientiert. Man sollte hier auch eins nicht vergessen: Ich habe eine Kritik geschrieben und keine reine Interpretation ohne Bewertungstendenz. Logischerweise lege ich in meiner Kritik fest was mir an Gedichten missfällt und welchen Anspruch ich an sie habe.

Quoted

Was ist denn überraschend am Hereinbrechen von Herbst und Winter? Schreib Du bitte den erwachsenen Text, der mich mich höchstem Erstaunen aufschrecken läßt: Huch, sowas, ist ja Herbst geworden, war doch erst letztes Jahr einer?


Herbst und Winter sind eben immer schon Objekte der „Verschriftlichung“ gewesen woraus eben jene Fülle der Herbstklischees resultiert. Der Herbst ist grau, verkörpert den Zerfall des Lebens (verbildlicht durch die welken Blätter), es ist neblig, windig und so weiter und so fort bla bla blubber schwätz. Ich frage mich einfach wo der lyrische Wert von Texten zu finden ist, welche in stoischer Penetranz die immer gleichen Bilder vorkauen. Mit Überraschung meine ich, dass du mal versuchst ein neues Bild zu schaffen. Das kann durchaus dezent und unaufdringlich sein. Ich verlange keinen Bombenknall oder eine verbale Blendgranate. Ich bin sicher das der Herbst eben nicht immer gleich ist, sondern jedes Jahr anders. Und ich denke das ein Herbst auch nicht automatisch wie ein lyrischer Schalplattenspieler immer dasselbe verkörpern muss. Hergott lass dir halt was einfallen. Nimm dir ein Standartklischee und erweitere es durch einen neuen Aspekt (Innovationsgeist ist gefragt).


Quoted

Also bei allem Respekt, Du interpretierst wie eine Krähe, gierig nach auszuhackenden Augen. Gerne nehme ich Kritik an, aber wenn Du mit der selben Oberflächlichkeit agierst, die Du dem Text gleichzeitig vorhältst, hole ich gerne die Schleuder hervor...


Wie ich eingangs schon erwähnte: Gedichte haben kein Mitleid verdient und gehören zerstampft, gerupft und vernichtet wenn sie genügend Angriffsfläche bieten. Ich könnte spontan eine ganze Reihe meiner Gedichte aufzählen, welche ich ohne mit den Wimpern zu zucken als „Unfug“ bezeichnen würde. Von mir aus kannst du darauf herumtrampeln wie du willst ;) Was ich an diesem Forum so schätze ist eben sein kritischer Geist. Was taugt ein gefülsduseliger Säuselton , wenn es um die Schaffung von guter Lyrik geht: Nichts. Besonders gnadenlos muss man aber immer noch sich selbst gegenüber sein. Jedenfalls ist das mein Standpunkt.


Quoted

Die unerwartete Umkehr in der Strophe "Inmitten des Grauen..." hast Du eigentlich zutreffend in den Zusammenhang eingeordnet. Dass der Leser zuvor von bewusst mehrfachen und überwiegenden negativen Bildern "zugeklappert" wurde, auch. Gerade dieses Einlullen in einen Rundumblick von Trostlosigkeit war mein Ziel, um das plötzliche Umschwenken radikaler wirken zu lassen.


Das ist dir auch gelungen. Der Kontrast ist durchaus gegeben. Über die Berechtigung „bewusst verwendeter Klischees“ habe ich mich oben ja schon geäußert. So, nun fallen mir bald doch noch die Augen zu, ich werde mich bei Zeiten noch zu den anderen Punkten äußern. Einige Dinge (unter anderem das "Stifelbild") werde ich mir nochmal angucken.

Vielen Dank für die interessante Diskussion.

Gruß GEO

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5

Sunday, December 31st 2006, 1:44am

Danke danke

Hallo GEO,

ich verstehe Dich nun etwas deutlicher, und mit vielem hast Du recht. Ich muss analytischer an meinen metaphorischen Bildern arbeiten. Warum sie das hier nicht waren, liegt zum einen daran, dass die Intention nicht die war, sich besonders um eine treffende, neue Interpretation von Herbst und Winter als Jahreszeiten zu bemühen, sind sie ja planerisch nur als Pappmascheekulissen, als Kartenhaus aufgestellt worden, um später im Text den Moment der Hoffnung in den letzten beiden Strophen daran "aufzuhängen". Es wäre ein anderer Weg gewesen, ein intensives, sensibleres Herbstbild zu diesem Zweck zu zeichnen, wohl auch der bessere. Ich hatte mich zu sehr darauf eingeschossen, es bloß bei der Kulisse zu belassen, Hauptsache sie erfüllt ihren Zweck, den Leser durch ein vermeintliches, altvertrautes Jahreszeitengedicht zu führen, um ihn dann jäh auf einen ganz anderen Weg zu bringen.

Ich denke, das ist die eigentliche Idee dieses Gedichts, ein Liebesgedicht oder eher Liebeshoffnungsgedicht in ein Tarnkleid zu packen. Die gefällt mir noch immer, und in einer besseren Umsetzung werde ich sie neu aufgreifen. Zum Wegwerfen ist sie mir jedenfalls zu schade.

Zu den einzelnen Punkten warte ich erst die Fortsetzung Deines posts ab, die Du angekündigt hast.

Statt dessen möchte ich noch etwas anderes zu dem sagen, was Du zur Notwendigkeit "gnadenloser Kritik" und dieser Diskussion angemerkt hast. Ja, ich finde Textarbeit und deutliche Auseinandersetzung sind das beste, was dem Weg eines Hobbylyrikers dienen kann. Ich habe auch kein Problem damit, eine hitzige Diskussion mit Dir zu führen, im Gegenteil, je intensiver die Diskussion, desto besser das Ergebnis und die Erkenntnisse für neue Arbeiten. Auch wenn ich die eine oder andere verbale Watschn mit Freuden zurückhaue, weiss ich, dass wir sicher erwachsen genug sind, das sportlich zu sehen :D. Deine Art und Weise und auch der Ton deiner Kritiken sind schon grenzwertig, was das Sprechen "von oben herab" anbetrifft, aber ich hatte dabei das Gefühl, dass Du Dich grundehrlich um MEINE Angelegenheit hier und um dieses Forum kümmerst und es Dir nicht um Selbstprofilierung oder Höherstellung Deiner Ansichten geht. Und einen gesunden Grundstock an Arroganz kannst Du Dir angesicht Deiner Texte auch wohl erlauben, die sind nämlich das beste, was ich hier in diesem Forum bisher gelesen habe. So ist die Warte eine andere, wenn irgendjemand die Mülltonne empfiehlt oder einer wie Du. Zuhören, Klappe halten, lernen.
Wie es aber so oft ist, wenn vermeintlich der eigene Stolz angetastet wird, müssen solche Einsichten erst wachsen. Wenn ich mich also in der ersten Enttäuschung nach Deinem kapitalen Verriss meines Textes zu der einen oder anderen Retourkutsche habe verleiten lassen, kannst Du mir dies hoffentlich nachsehen. Im Grunde bin ich nämlich ein ganz Lieber, zumindest sporadisch... :D

Meine Ausgangssituation, mit der ich hier zu Euch ins Forum gestoßen bin, ist die, dass ich zunächst sehr jung sehr erfolgreich war mit meiner Schreiberei, mit 12 das erste Gedicht geschrieben, dessen eigene Urheberschaft mir niemand glauben wollte, mit 15 Leiter der Schulzeitung, ein mit 16 geschriebener Text wurde in eine Suhrkamp-Anthologie aufgenommen, mit 17 Laientheaterstücke geschrieben, die vor mehreren hundert Leuten in den größten Sälen der Stadt aufgeführt wurden, - aber dann habe ich die Zügel jahrelang schleifen lassen und bin mehr oder weniger stehen geblieben. Ich bin, was Schreiberfahrung angeht, also auf dem Status quo eines Schuljungen. Wenn auch eines verdammt guten Schuljungen :D. Das weiss ich auch, erst recht nach Deiner Kritik und der Lektüre Deiner Texte. Mit Deiner Hilfe und der des Forumspublikums hier hoffe ich nun, rasch ein paar entscheidende Schritte weiter zu kommen.
Wenn Du dann später einmal einen Text von mir zerlegst und mir sagtst, mehr als die Hälfte davon könne man ungestrichen lassen, dann werde ich mich öffentlich ausstellen lassen und wenig später zufrieden sterben. :D
Sammelsurium: Werkesammlung


GEO

Unregistered

6

Wednesday, January 3rd 2007, 2:38pm

RE: Danke danke

Hallo aNFANGENDe,

Quoted

Besser wärest Du in Deiner Interpretation darauf eingegangen, warum in dem diffusen nebligen Gesamtbild hier dieser Straßenfeger "fest in seinen Stiefeln" steht. Darin lag nämlich durchaus ein Hinweis, aus dem Rückschlüsse auf das lyrische Ich hätten gezogen werden können, hätte man auf der Jagd nach unwürdigen Methaphern und Klischees dann auch noch die Gesamtaussage des Gedichtes erkannt...


Da hast du auch vollkommen Recht – bei aller Kritik an klischeeverdächtigen Elementen, darf natürlich auch nicht der offene und unvoreingenommene Blick auf die Gesamtaussage fehlen. Es wäre ignorant meinerseits, würde ich das nicht, in die Betrachtung, mit einbeziehen. Ich versuche mich daher mal an einer Interpretation der einzelnen Textstellen. (Wenn ich deine Intention verfehle wäre ich über eine Rückmeldung dankbar)

Quoted

Das sommersatte Grün
liegt am Boden zerstört
zersetzt und
aufgelöst.

Die Bäume im Wind
haben wieder zu klappern begonnen.

Herbstmattes Grau setzt ein.



Bis hier wird nun jenes Bild der Vergänglichkeit und Zersetzung, verkörpert durch den Herbst, konstruiert. Vor dem inneren Auge des Lesers baut sich eine trübe und etwas trostlose Stimmung auf. Begriffe und Phrasen, welche diese Emotionalität im Besonderen verkörpern, lassen sich wie folgt notieren:

  • Das Grün ist am Boden zerstört / zersetzt und aufgelöst. ---> Das Grün verkörpert Hoffnung und Leben, welches der Vergänglichkeit unterworfen ist und vergehen muss

  • klappern ---> Ein akustisches Phänomen welches unter Umständen mit dem Toten und damit „Skeletthaften“ assoziiert wird. Der Leser denkt an Trostloses

  • Herbstmattes Grau ----> typisches Bild wenn es um die Farblosigkeit, welche die Leblosigkeit verkörpert, des Herbstes geht.


Da es in dem Gedicht ja nicht primär um den Herbst geht, sondern um die Schilderung „herbstlicher Emotionen“ , welche zum Schluss dann durch frühlingshafte Emotionen ersetzt werden, sind die Bilder allesamt mehr oder weniger symbolisch zu verstehen. Der Herbst dient hier gewissermaßen als Bildspender zur Veranschaulichung menschlicher Gefühle.


Quoted

Fest steht der Straßenfeger in seinen Stiefeln,
der das Laub fegt
und bald den Schnee.



der fest in seinen Stiefeln stehende Straßenfeger, verkörpert, in all der Zersetzung, Vergänglichkeit und Hoffnungslosigkeit, einen Aspekt der Standhaftigkeit.
---> Rückschluss auf das Lyr. ich : Das lyr. Ich hat trotz der bedrückenden Bilder, der Vergänglichkeit und Hoffnungslosigkeit, einen Blick für das Dauerhafte und damit Beruhigende des Lebens. Er schöpft aus diesem Bild Hoffnung und zugleich auch den Willen zur Standhaftigkeit.

Quoted

Ein Straßenmusikant geigt
mit steifen Händen
still vor sich hin.
In seinen Hut schwebt saftigrot
das letzte Blatt des Ahornbaums
und schmiegt sich an den grauen Filz.

Der Rohbau gegenüber
atmet feuchtkalte Luft
aus dunklen Fenstermündern.

Selbst wo Licht brennt hinter den Fenstern
zermürbt es der Nebel
zu fahlem Schein.


In diesen Versen wird das Bild der Zersetzung durch weitere Elemente ergänzt und die melancholischen Stimmungen noch einmal bekräftigt. Das „letzte Blatt des Ahornbaums“ hat symbolischen Charakter und könnte für den Übergang „Sterben ----> Tod“ stehen. Jedenfalls markiert es den finalen Einzug des Winters. Das letzte bischen Leben vergießt sein letztes Blut als „rotes Blatt“.

Quoted

Inmitten des Grauen ein Mädchen
mit fröhlichen Augen,
und ich denke:
Du bist der Frühling!


Die zuvor aufgebaute Stimmung dient als „Hintergrund“, vor dem sich dann die überraschende Wendung stimmungsreich abhebt: Das Mädchen taucht auf, welches hier den Frühling verkörpert.
Das lyrische ich ist darob emotional tief bewegt und verdeutlicht diese Emotionen in den letzten zwei Versen:

Quoted

Und im Traum trinke ich ihr Haar
durch das der Regen rinnt.


Das Begehren nach dem Mädchen (welches Frühling und Glück verkörpert(übrigens auch ein sehr altes und oft verwendetes Bild)) wird in dem Akt des Trinkens symbolisch dargestellt.

Insgesamt sind die Bilder stimmig aufgebaut und führen auch konsequent auf eine bestimmte Aussage. Trotz dieses Umstandes, bleibt dennoch die sehr abgegriffene Metaphorik:

Herbst ---> Tod und Auflösung
fest in den Stiefeln stehen --->Standhaftigkeit
Mädchen ---> Frühling und Glück
trinken ---> Begehren

Das sind alles Bilder die in der „Ursuppe des menschlichen Kopfes“ herumschwirren und daher nicht neu sind. Die Literatur ist voll davon.

Nun noch ein paar Anmerkungen zu den anderen Hinweisen deinerseits:

Quoted

Deine Art und Weise und auch der Ton deiner Kritiken sind schon grenzwertig, was das Sprechen "von oben herab" anbetrifft, aber ich hatte dabei das Gefühl, dass Du Dich grundehrlich um MEINE Angelegenheit hier und um dieses Forum kümmerst und es Dir nicht um Selbstprofilierung oder Höherstellung Deiner Ansichten geht.


Mit der etwas „groben“ Art will ich eigentlich nur der wertvollen Streitkultur dienen und dazu ermuntern auch selber selbstbewusst und kritisch an alles heranzutreten was einem geboten wird. Wir alle sind mündige eigenständige Individuen und sollten diese Eigenständigkeit auch nutzen. Ich möchte einfach nicht, dass dieses Forum nur zum Austausch von Gefälligkeiten verkommt. Selbstverständlich darf hier jeder seine Meinung kund tun und standhaft vertreten. Angst vor Blamage ist völlig fehl am Platz ---> Fehler sind erlaubt & schlagfertige Kritiken erwünscht. Keiner hat die Weisheit mit Löffeln verspeist.

Quoted

Wie es aber so oft ist, wenn vermeintlich der eigene Stolz angetastet wird, müssen solche Einsichten erst wachsen.


Ich denke jeder kennt das säuerliche Gefühl im Magen, wenn man frustriert und enttäuscht ist, nachdem man gesagt bekommen hat, dass man etwas Schlechtes zustande gebracht hat. Ich habe auch solche Phasen, wo ich den Eindruck habe nichts gelänge oder alles sei Mist. Es ist wie mit allen Dingen im Leben: Man muss für alles bezahlen und bekommt nichts umsonst. Frust ist eben der Preis für die Weiterentwicklung und wird mit Erfolg belohnt. Lass dich nicht unterkriegen!

Quoted

Wenn Du dann später einmal einen Text von mir zerlegst und mir sagtst, mehr als die Hälfte davon könne man ungestrichen lassen, dann werde ich mich öffentlich ausstellen lassen und wenig später zufrieden sterben.


Blödsinn:D

Du wirst zufrieden sterben, wenn du mich meilenweit überholt hast und erkannt hast, dass ich auch nur irgendein User in irgendeinem Forum bin. Eigenständigkeit ist hier das Schlüsselwort (Auch was den eigenständigen Stil betrifft ---> „eigene Bilder und Überwindung von Klischees“)

Eitelkeiten behätscheln und betätscheln ist totaler Murks :D

Liebe Grüße ;)
GEO

Date of registration: Dec 23rd 2006

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7

Wednesday, January 3rd 2007, 10:17pm

Von Blatt- und Streifschüssen, sowie des Rätsels Lösung...

:DHallo GEO,

fast alles getroffen, aber auch einiges an Streifschüssen darunter. Ich definiere die Bilder im folgenden einmal aus der gottgleichen Autorensicht, die es natürlich (völlig unerwarteter Weise) viel leichter hat, die eigenen Metaphern zu deuten :D, und stelle sie in dieser penetranten Allwissenheit dann jeweils Deiner Interpretation gegenüber.

Uffgepasst unn die Aache her, es geht los:

Quoted

Das Grün ist am Boden zerstört / zersetzt und aufgelöst. ---> Das Grün verkörpert Hoffnung und Leben, welches der Vergänglichkeit unterworfen ist und vergehen muss


Das sommersatte Grün = Lebensfreude, erfüllte Liebe, Wärme, Glück (also zusammen genommen ein vor Erfüllung strotzendes Leben, das gerade im vollen Saft steht)

zerstört, zersetzt und aufgelöst = Hitlerzitat; Sinnbild einer unwiederbringlichen, totalen Zerstörung. Nichts scheint erhalten geblieben.

Quoted

klappern ---> Ein akustisches Phänomen welches unter Umständen mit dem Toten und damit „Skeletthaften“ assoziiert wird. Der Leser denkt an Trostloses


Klappernde Bäume im Wind = Das vorige Idealbild wurde ausgeweidet und (Volltreffer, GEO!) skelettiert. Die glückliche Liebe ist zerbrochen, das Lebensglück wurde weggeblasen wie das Laub von den Bäumen. Die Seele zittert im kalten Wind der Veränderung.

Quoted

Herbstmattes Grau ----> typisches Bild wenn es um die Farblosigkeit, welche die Leblosigkeit verkörpert, des Herbstes geht.


Herbstmattes Grau setzt ein = Der Veränderungsprozess kommt hiermit zum Abschluss und die Seele trifft ein in der neuen Welt der Trostlosigkeit.

Quoted


der fest in seinen Stiefeln stehende Straßenfeger, verkörpert, in all der Zersetzung, Vergänglichkeit und Hoffnungslosigkeit, einen Aspekt der Standhaftigkeit.
---> Rückschluss auf das Lyr. ich : Das lyr. Ich hat trotz der bedrückenden Bilder, der Vergänglichkeit und Hoffnungslosigkeit, einen Blick für das Dauerhafte und damit Beruhigende des Lebens. Er schöpft aus diesem Bild Hoffnung und zugleich auch den Willen zur Standhaftigkeit.


Treffer und versenkt. Einerseits symbolisiert der Straßenfeger hier eine Seele, die auch in schwerem Leben zurechtkommt. Er nimmt seinen Platz auch hier wahr. Er jammert nicht und macht seine Arbeit. Zugleich wird dem lyrischen ich aber auch das damit verbundene Schicksal einer sehr monotonen, wenig Glück verheißenden Perspektive klar: Mit dem Laubfegen (also dem Beiseitefegen des Scherbenhaufens des zerbochenen Lebensglücks, siehe Methaphern oben) ist es nicht getan, kommt nicht etwa ein direkter Neuanfang mit einem Aufbruch ins Glück ("Frühling"), sondern erst noch eine Periode tiefer Depression, symbolisiert duch den Schnee / Winter.

Dieses "Durchstehen-Müssen" findet sich dann in dem Geiger wieder, der mit steifen Händen (also durchaus leidend) still vor sich hin (=ungehört, sinnend, abwartend) geigt. Hierbei wird ihm auf bittere Weise die Erinnerung an die bessere, glücklichere Zeit vorgehalten, indem das "letzte Blatt" ihn an das Scheitern seines Glücks, seines vergangenen prächtigen Ahornbaumes erinnert. Der Ahorn verkörpert mit der roten Farbe seiner Blätter zugleich die Liebe, als auch (Ahornsirup) die Süße des Lebens. Statt einfach hineinzufallen "schmiegt" sich das Blatt dann auch noch an den Filz, und erinnert den Geiger vielleicht ein letztes Mal an Berührung und Nähe seiner verflossenen Liebsten. Der Bettelhut des Musikers enthält außer dieser Erinnerung keinen Reichtum mehr.

Hier lagst Du mit Deiner Interpretation also etwas unkonkret, vor allem sind insgesamt nicht Leben/Sterben in Gänze in der Betrachtung, sondern konkret (Liebes-)Glück/Unglück. Der Wechsel guter und schlechter Zeiten im Leben wird anhand des Wechsels der Jahreszeiten dargestellt. Zum Vergleich hier nochmal Deine Auslegung:

Quoted

Das „letzte Blatt des Ahornbaums“ hat symbolischen Charakter und könnte für den Übergang „Sterben ----> Tod“ stehen. Jedenfalls markiert es den finalen Einzug des Winters. Das letzte bischen Leben vergießt sein letztes Blut als „rotes Blatt“.


Der Rohbau gegenüber
atmet feuchtkalte Luft
aus dunklen Fenstermündern.

Selbst wo Licht brennt hinter den Fenstern
zermürbt es der Nebel
zu fahlem Schein.

Quoted

In diesen Versen wird das Bild der Zersetzung durch weitere Elemente ergänzt und die melancholischen Stimmungen noch einmal bekräftigt.

Das ist nun eindeutig zu wenig. Sooo plump und statisch sind meine aneinandergereihten "Herbst- und Winterfotos" nämlich nicht! Jedes Foto ist zwar eine Momentaufnahme, dennoch sind die abgebildeten Motive nur scheinbar bloß eingefrorene, banale Herbst- und Winterkulissen. Auf den zweiten Blick erzählen erzählen diese Bilder dem(aufmerksamen) Betrachter nämlich durchaus bewegte Geschichten....

Der Rohbau gegenüber
atmet feuchtkalte Luft
aus dunklen Fenstermündern.

= Das lyrische Ich betrachtet nun einen in der Welt des Unglücks lebenden Dritten. Er ist versteinert und dunkel, aber er ist nicht tot. Er atmet noch.

Selbst wo Licht brennt hinter den Fenstern
zermürbt es der Nebel
zu fahlem Schein.

= In ihm brennt noch das Lebenslicht, wenn auch nur noch "hinter machen Fenstern" und beileibe nicht mehr wie die Festtagsbeleuchtung aus sommersatten Zeiten. Aber das wichtigste, der Kern dieser Seele, ist noch intakt, flackert aber nurmehr partiell auf, ist schwach und wird vom Nebel (der Depression) zermürbt. Das Glück dringt nicht weit vor in dieser trüben Umgebung, es bleibt bei einem "fahlen Schein".

Inmitten des Grauen ein Mädchen
mit fröhlichen Augen,
und ich denke:
Du bist der Frühling!

Quoted

Die zuvor aufgebaute Stimmung dient als „Hintergrund“, vor dem sich dann die überraschende Wendung stimmungsreich abhebt: Das Mädchen taucht auf, welches hier den Frühling verkörpert.


Nicht den Frühling, sondern die Hoffnung auf neues Liebes- und Lebensglück, auf den Ausbruch aus dem Lebenstal und den Aufbruch hin zu einem neuen "sommersatten Ahornbaum". Die Zerstörung hat eben doch keine Ruine hinterlassen, die abgerissen werden muss, sondern einen Rohbau, der nun ausgebaut werden kann zu einem neuen Haus.

Quoted

Das lyrische ich ist darob emotional tief bewegt

Naja, dies als "tief bewegt" zu beschreiben, ist eigentlich zu träge. Das lyrische ich ist nicht bloß berührt, es ist verdammt noch mal außer sich! "Du bist der Frühling!" Heureka, ich hab's gefunden! Es hat gerade "Klick" gemacht, und das Leben hat binnen Sekunden und praktisch aus dem Nichts eine neue, glückliche Wendung erhalten! Dieser Moment wäre mit einer Einstufung als emotionale Bewegtheit in seiner Intensität eigentlich noch unterbewertet, denn es geht um nicht weniger als den Moment der Rettung der Seele des lyrischen ichs.

Und im Traum trinke ich ihr Haar
durch das der Regen rinnt.

Quoted

Das Begehren nach dem Mädchen (welches Frühling und Glück verkörpert (übrigens auch ein sehr altes und oft verwendetes Bild)) wird in dem Akt des Trinkens symbolisch dargestellt.


Jupp, aber kein Akt des Trinkens, sondern erst der Traum, also eine erste, wenn auch klare Vorstellung vom Ausweg. Beim Menschen kann alleine der Glaube an eine "neue Liebe", einen Neuanfang, ungeahnte Kräfte hervorlocken und trübeste Gefühle mit einem Mal wegblasen. Dieser radikale Wandel bahnt sich hier an, und ihn auszulösen bedarf es eigentlich nur noch wenig. Der Weg ist im Traum schon vorgezeichnet, und ist er auch noch nicht erreicht, so besteht doch kein Zweifel mehr daran, dass der "Frühling" nun kommen und den "Seelenwinter" überwinden wird...

-FIN- Das war's :D

Wenn Du das Gedicht an dieser Stelle jetzt noch einmal im Ganzen lesen würdest, bin ich mir sicher, dass Du die Geschichte, die es erzählt, jetzt besser aus den vermeintlichen Klischeebildern heraushören kannst. Das Hängenbleiben an den Klischeebildern hat Dir dies vorher scheinbar völlig verleidet, weil Du Dich angesichts der vordergründigen mauen Herbstbilder zu schnell darauf eingeschossen hattest, es könne sich hier nur um nichts weiter als eine nichtssagende Jahreszeitenbeschreibung handeln. Zwischen den Zeilen hast Du dann natürlich nicht mehr gesucht und natürlich dann auch nichts mehr von dem finden können, was hier unter Spiegelung in vermeintlich vordergründigen Kulissen eigentlich erzählt wurde.

So recht Du im Einzelnen ja hattest, als Du einige der verwendeten Formulierungen und Bilder in die Klischeecke stelltest, so kannst Du es also auch ein wenig positiv sehen: Hätte ich die Metaphern individueller und weniger ursuppig gestaltet, dann hättest Du ja noch weniger von dem verstanden, was ich eigentlich mit ihnen sagen wollte :D :D :D :D :D

Nein, im ernst, natürlich ist das Gegenteil der Fall. Das ist gerade das Manko gewesen. Wenn die Bilder so klischeebehaftet sind, dass überhaupt niemand mehr auf die Idee kommt, sie könnten hier ausnahmsweise mal in einem anderen Sinn zu lesen sein, kann ich dem Leser auch nicht vorwerfen, dass er halb blind durch den Text eiert, weil seine Aufmerksamkeit nicht geweckt worden ist. Kritik also berechtigt!

Quoted

Blödsinn:D

Selbstverständlich. Hatte die Ehre, hier blödsinnig zu sein.

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Eitelkeiten behätscheln und betätscheln ist totaler Murks :D

Jupp, also dann danke, mein werter Lieblingsforumslieblingslyriker, murks weiter so! Ich finde Deine Texte zwar schon sehr, sehr gelungen, aber bis zum totalen Murks ist sicher noch eine Steigerung drin... :D

Jedenfalls habe ich noch keinen Text von Dir gefunden, der mir nicht gefallen hätte. Sobald ich mal einen finde, werde ich mich aber nicht scheuen, ihn kritiktechnisch abzumurksen :evil: :D


Auch liebe Grüße:

AE

Diplom-Klischeeumschreiber
Sammelsurium: Werkesammlung


GEO

Unregistered

8

Saturday, January 20th 2007, 4:49pm

RE: Von Blatt- und Streifschüssen, sowie des Rätsels Lösung...

Hallo Anfangende,

Entschuldige die sehr verspätete Rückmeldung, aber mein dezimiertes Zeitbudget hinderte mich an einer Schnelleren. Ich versuche noch einmal so gut es geht deine Ausführungen zu kommentieren und zu verstehen, befürchte aber nicht besonders ausführlich antworten zu können.

Quoted

Quoted

In diesen Versen wird das Bild der Zersetzung durch weitere Elemente ergänzt und die melancholischen Stimmungen noch einmal bekräftigt.


Das ist nun eindeutig zu wenig. Sooo plump und statisch sind meine aneinandergereihten "Herbst- und Winterfotos" nämlich nicht! Jedes Foto ist zwar eine Momentaufnahme, dennoch sind die abgebildeten Motive nur scheinbar bloß eingefrorene, banale Herbst- und Winterkulissen. Auf den zweiten Blick erzählen erzählen diese Bilder dem(aufmerksamen) Betrachter nämlich durchaus bewegte Geschichten....


Hinter den Bildern lassen sich sicherlich noch weitere Bedeutungen finden, wobei der Leser aber auch die Lust haben muss danach zu suchen. Das ist eben das Problem am Klischee – es betäubt die Sinne des Lesers in gewisser Weise. Ein Gedicht sollte den Leser aber auch auf unterschwelliger Ebene berühren oder beeindrucken. Gedichte sollten nicht zu kreutzworträtselartigen Sinnverschlüsselungskonstrukten verkommen. Grundsätzlich ist die Sprache ja so ausgelegt, dass sie immer auch mehrere Bedeutungsebenen entfalten kann. So lassen sich selbst aus einem banalen, rein informativen Text bereits „tiefere“ Bedeutungen herauslesen, was diesem Text aber noch nicht das Prädikat „lyrisch wertvoll“ einbringt.

mal ein rein fiktives Beispiel: Er schaltete das Licht ein und die Nelke auf dem Tisch verblühte.

Dies ist ein ganz banaler Satz, den ich jetzt mal ohne Hintergedanken hingeschrieben habe. Wenn du dir Mühe gibst, wirst du eine ganze Menge aus dieser Zeile „herauslesen“ können. Es ist bestimmt möglich eine Din A4 Seite mit einer wunderhübschen Interpretation zu verfassen.

Wenn man vom Leser erwartet, dass er sich die Mühe macht zwischen den Zeilen nach „Geschichten“ zu suchen, so muss man seine Erwartungen nach lyrischer Raffinesse und Schönheit ebenfalls erfüllen. Ohne dieses Prinzip von Nehmen und Geben funktionieren Gedichte nicht. Der Autor verlangt dem Leser etwas ab und muss im Gegenzug etwas geben.

Um auf deine Zeilen zurückzukommen: Du hast völlig recht, wenn dir meine Interpretation dazu viel zu plump war – das war sie auch. Ich akzeptiere auch deine Interpretation dazu und stimme dir zu das man eine Menge interpretieren könnte, wenn man den Ansporn dazu hätte.

Quoted

Die Zerstörung hat eben doch keine Ruine hinterlassen, die abgerissen werden muss, sondern einen Rohbau, der nun ausgebaut werden kann zu einem neuen Haus.


Zunächst einmal: Ein Rohbau ist immer Produkt einer Aufbaumaßname und nicht einer Zerstörung. Es ist also völlig klar, dass der Rohbau nicht für ein Überbleibsel einer Zerstörung stehen kann ---> Unsinnige Interpretation. Zerstörungen lassen per Definition keine Rohbaue zurück, was du nun aber behauptest. Auch die Idee, das der Rohbau für die Hoffnung auf ein zukünftiges Haus steht ist nicht zwangsweise richtig. Der Rohbau kann ja auch für totalen Stillstand stehen ---> Der Bauherr hat bankrott gemacht oder ähnlich. Der Rohbau kann für alles Mögliche stehen ---> Die Sprache lässt solche Deutungen offen und man sollte als Autor dem Leser keine aufzwingen. Der Leser muss einfach von den Bedeutungen mitgerissen und erfasst werden---> Merkmal guter Lyrik. In langweiligen Bildern nach Subbedeutungen zu recherchieren macht keinen Spaß.

Quoted

Wenn Du das Gedicht an dieser Stelle jetzt noch einmal im Ganzen lesen würdest, bin ich mir sicher, dass Du die Geschichte, die es erzählt, jetzt besser aus den vermeintlichen Klischeebildern heraushören kannst. Das Hängenbleiben an den Klischeebildern hat Dir dies vorher scheinbar völlig verleidet, weil Du Dich angesichts der vordergründigen mauen Herbstbilder zu schnell darauf eingeschossen hattest, es könne sich hier nur um nichts weiter als eine nichtssagende Jahreszeitenbeschreibung handeln. Zwischen den Zeilen hast Du dann natürlich nicht mehr gesucht und natürlich dann auch nichts mehr von dem finden können, was hier unter Spiegelung in vermeintlich vordergründigen Kulissen eigentlich erzählt wurde.


Nur verrate mir eines: Worin liegt der Sinn eines Gedichtes das nur noch aus Attrappen besteht, hinter denen man nach Sinn suchen muss? Gedichte sind dann gut, wenn sowohl die Attrappen als auch der dahinter liegende Sinn den Leser beeindrucken. Es ist doch wie mit der Werbung: Eine schlechte Werbung(Attrappe) lässt mich erst gar nicht nach dem Produkt(Sinn) suchen.

Quoted

: Hätte ich die Metaphern individueller und weniger ursuppig gestaltet, dann hättest Du ja noch weniger von dem verstanden, was ich eigentlich mit ihnen sagen wollte


Nein – dann hätte ich Motivation gefunden überhaupt erst intensiviert danach zu suchen. Kreutzworträtsel kann ich auch woanders lösen, dazu benötige ich keine Lyrik. Außerdem ist mir die Zeit dazu dann auch zu schade. Es geht in diesem Forum ja auch nicht darum Bedeutungen hinter irgendwelchen Metaphern zu verstecken, die ein Leser dann hervorwühlen muss.
– Um mich pedantisch zu wiederholen: Es geht um ästhetisch anspruchsvolle Kunst, die für sich selber steht und dem Leser etwas geben kann.

Quoted

Nein, im ernst, natürlich ist das Gegenteil der Fall. Das ist gerade das Manko gewesen. Wenn die Bilder so klischeebehaftet sind, dass überhaupt niemand mehr auf die Idee kommt, sie könnten hier ausnahmsweise mal in einem anderen Sinn zu lesen sein


Um noch mal auf meine oben erwähnte Sache zurück zu kommen: Jeder Text lässt sich in einem anderen Sinn lesen, selbst eine Gebrauchsanweisung für einen IKEA Schrank. Bau einen Schrank der dem Leser etwas gibt, dann ist der Leser auch bereit in der Anleitung zu lesen und sie zu interpretieren:)

Aber letztlich musst du selber einen Geschmack für Lyrik entwickeln und deinen Weg gehen. Finde heraus was Gut ist – Die Antworten die dir das Forum geben kann sind letztlich auch nur Meinungen, die du bewerten kannst wie du magst – Also hau rein!


Gruß
GEO

Date of registration: Dec 23rd 2006

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9

Saturday, January 20th 2007, 5:10pm

RE: Von Blatt- und Streifschüssen, sowie des Rätsels Lösung...

Danke, GEO,

für die beispielhafte Auseinandersetzung mit mir zu diesem Text. Sie hat mir auf jeden Fall einiges gebracht, und sicher auch Dritten, die diese Diskussion gelesen und mitverfolgt haben, denn vieles an Argumenten ist in allgemeine Rückschlüsse zu übertragen.

Deine Begründung, dass eine graue Einheitsverpackung den Leser nicht zu einer näheren Beschäftigung mit dem Inhalt reizen kann, ist dabei für mich die zentrale Lehre, die ich aus Deinen Ausführungen ziehe.

Liebe Grüße

AE
Sammelsurium: Werkesammlung


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