Der Familienmanager
Ich fühle mich diskriminiert.
Neulich erst war ich bei meiner Bank.
Dort wollte ich ein Konto einrichten oder einen Kredit beantragen oder irgendwas von dem tun, was man so bei einer Bank halt so tut, wenn man kein eigenes Geld verdient.
Ich hatte alle Unterlagen dabei, von der Geburtsurkunde bis zu den Kassenbelegen meiner monatlichen Ausgaben für Hundefutter und Wegwerfwindeln.
Und der nette junge Mann hat mir einen Kaffee angeboten, hat eifrig und konzentriert die ihm diktierten Daten in den Computer eingegeben - so konzentriert, dass er sich dabei fortwährend auf die Unterlippe gebissen hat.
Und nachdem er meinen Namen, meine Adresse, meinen Familienstand, mein Körpergewicht und meine von der Krankenkasse errechnete Lebenserwartung notiert hatte, musste sie doch kommen: DIE FRAGE.
Ich wartete förmlich auf den geringschätzigen Blick, die gerunzelte Stirn, die leicht nach unten gezogene Lippe und die forsche Arroganz im Ton, die verraten würde, dass er sich schon die ganze Zeit fragte, warum ich zu dieser Tageszeit überhaupt die Möglichkeit hatte, eine Bank zu betreten. »Und Ihr Beruf? Oder sind Sie etwa nur…«
Ich hatte mich richtig gut vorbereitet. »Ich bin Spezialist für die Reinigung gebrannter Sanitärelemente«, wollte ich sagen oder »ich bin Fünfsternefachmann für die Zubereitung von Iglo Fischstäbchen, Kommunikationswissenschaftler Neue Medien, spezialisiert auf Programme wie ICQ, MSN oder IRC. Kleinstpartikelbeseitigung mittels Luftansaugstutzen gehört zu meinen Aufgaben, darüber hinaus bin ich verantwortlich für die Unterhaltung allein gelassener Frauen auf dem örtlichen Kinderspielplatz.«
Ich hörte schon die Geigen und Posaunen, die Engelschöre und die sonore Stimme, die mir verspricht. »Vorwerk unterstützt den wichtigsten Beruf der Welt: Den Familienmanager.«
Die Frage kam nicht. Denn erstens war der junge Mann höflich und zweitens … (Blick den Körper herunter, der auf die Männlichkeit des Erzählers hinweist.)
Ja, glauben Sie, einem Mann wird diese Frage gestellt? So weit sind wir noch lange nicht mit der Emanzipation.
Stattdessen fragte er: »Wer ist denn Ihr Arbeitgeber?«
Ja spinnt denn der? Auf die Frage war ich nicht vorbereitet. Was sollte ich ihm denn darauf antworten? Die Nummer meiner Bedarfsgemeinschaft bei der ARGE? Den Namen meiner Ehefrau?
Der fragte mich nicht, ob und was ich arbeite. Das hat er stillschweigend vorausgesetzt. Liest der denn keine Zeitung, hört der kein Radio oder sieht keine Nachrichten? Kann er sich von seinem Gehalt bei der Bank womöglich die GEZ-Gebühr nicht leisten?
Ich merkte schon, dass ich in dem bequemen Lehnstuhl leicht zusammensackte, meinen Kopf kleinlaut zwischen die Schultern zog, mir auf die Zunge biss und so kleinlaut, dass der Mann unter Garantie nachfragen müsste, nuscheln wollte: »Ich bin Hausmann«, als mir Eva Hermann einfiel.
Die ist schließlich auch Mann, zumindest wenn ich ihre Ansprüche mit ihrer Realität vergleiche. »Die Frauen sollen sich nicht für die Entscheidung schämen müssen, ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter nachzukommen und für ihren Gatten und ihre Kinder da zu sein.«
Und was ist mit uns Männern? Während die Frauen also von der Werbung und Frau Hermann zurück in die Küche an den Herd gelobt werden sollen, Respekt für ihre Entscheidung verdienen, den ihnen angestammten Bereich einuznehmen und zu verteidigen, dazu extra der Begriff Familienmanagerin erfunden wird, müssen wir Männer uns von höflichen Bankangestellten durch nicht verifizierte Vorannahmen in unvollständigen Fragen demütigen und dazu nötigen lassen, unsere Schmach in ganzen Sätzen kundzutun: »Ich bin Hausmann.« Das nennt man dann Wertediskussion.
Daheim waltet die züchtige Familienmanagerin, während der Mann sich arbeitenderweise vor der Verantwortung drückt und als gespenstische Drohung wie der Teufel an die Wand gemalt wird. Pardon, ich meinte natürlich, während die häusliche Judikative die abendliche Exekutive ankündigt: »Warte, bis Papa nach Hause kommt!«
Streichen wir doch die letzten fünfzig Jahre als Irrtum der Geschichte. Gehen wir in die männliche Offensive. Entwerfen wir Plakate. »Männer, die Frauen nehmen euch eure Arbeitsplätze weg! - Ich lasse mir die Haare nicht von Frauen schneiden. – Hätte Gott gewollt, dass Sekretäre weiblich sind, hätte er Heiner Geissler als Frau erschaffen. – Operationen und Verbände gehören nicht in Frauenhände.« Am besten streichen wir Begriffe wie Vorzimmerdame aus unserem Vokabular. Okay, für die Frauen, die ihrem Broterwerb eher horizontal nachgehen, sollten wir Sonderregelungen erwägen …
Nein, ich bin schließlich ein moderner Mann, mir meiner verständnisvollen Anteile bewusst und habe gelernt, dass ich nicht die Potenz verliere, wenn ich Gefühle nicht nur zulasse, sondern auch darüber rede. Ich bin das Indoktrinationsabbild der Medien, cool, lässig und muskulös wie der Typ aus der Cola-Light-Werbung, immer in der Lage, charmant zu lispeln: »Isch abe gar kein Auto«, während ich den Kleinen gerade die Windeln wechsle, den Großen die täglichen Ration ›Nimm 2‹ aus dem Bonbonglas fische und dem Hund seinen Kinderpinguin. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken.
»Ich manage ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen«, antwortete ich also selbstbewusst und hörte den Bankbeamten konzentriert vor sich hersagen, was er eintippte. Wahrscheinlich hatte er Angst, sich sonst zu verschreiben: »Arbeitslos.«
Wie gesagt, ich fühle mich diskriminiert.
Texte einer multiplen Persönlichkeit
I've always considered writing the most hateful kind of work. I suspect it's a bit like fucking — which is fun only for amateurs. (Hunter S. Thompson)