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Chepre

Unregistered

1

Saturday, September 9th 2006, 11:02pm

Wahrlosnehmung

Knochenblau und aufgedunsen
leb ich meine Tage nieder,
schieb mich dumpf in ihre Schichten,
wache auf an schwülem Dunkel.

Geräusche rücken spürbar näher,
als wär die Stadt in meinem Kopf
nur kleine Meter noch entfernt.
Bei hohlen Mauern klaffen Wunden.

Man sieht die Zeit durch starre Gläser,
weiß nicht recht zu ahnen,
wo sich denn die Himmel legten,
fand sich blasser auf der Erde.

Die Worte kappt ein grauer Blick,
ich kann auch nicht mehr hören.
Im Zittern springen meine Hände
hart von ihrer Seele fort.


7.9.06

autumncat

Professional

Date of registration: Oct 26th 2006

Posts: 255 wcf.user.activityPoints: 1,520

2

Friday, October 27th 2006, 6:07am

Hallo Ratze-Katze,

schon der Titel interessierte mich.
"Wahrlosnehmung" - diese Wortschöpfung deutet schon die innere Zerrissenheit des LI an,
die sich dann auch im weiten Verlaufe des Gedichtes in konfusen Handlungen bestätigt.

Ein bedrückendes Szenario beschreibst du da - das LI ist wohl schon nah am Wahnsinn.
Die Spachmelodie gefällt mir gut - man mein Reime zu hören, wo gar keine sind:)

Grüße, autumncat
Verzeichnis der Katzenspuren

Es gibt nicht viel, das ich bereue; das aber ungemein.

Chepre

Unregistered

3

Saturday, October 28th 2006, 2:24pm

Hallo, autumncat. :)

Vielen Dank für deinen Beitrag! Hatte nicht mehr damit gerechnet, dass das Dings hier nochmal kommentiert wird. ?( Jetzt hab ich mich umso mehr gefreut :), weil es viele Sachen beinhält, die mir ziemlich wichtig sind.

Innerliche Zerrissenheit trifft's am besten, was ich meine. :)

Quoted

man mein Reime zu hören, wo gar keine sind

Genial. :]

Dank dir sehr für's Lesen. ;)

Gruß, Ratze

PeachesInTheOcean

Professional

Date of registration: Sep 28th 2006

Posts: 212 wcf.user.activityPoints: 1,060

4

Sunday, October 29th 2006, 1:30am

RE: Wahrlosnehmung

Hallo Ratze-Katze :)

Ein schönes Gedicht. Vom Metrum ist es gar nicht mal so unregelmäßig. Die erste Strophe: ein völlig reiner Trochäus.
Die zweite: Jambus.
Die dritte: beginnt mit einem Jambus und wechselt dann in einen Trochäus.

Quoted

Man sieht die Zeit durch starre Gläser,

Vielleicht könntest du der Form wegen aus dem "man sieht" ein "seh'" machen ?(
Die vierte Strophe: erst 3 Verse ein Jambus, dann TRochäus im letzten Vers. Da könnte man eventuell ein "so" am Anfang des Verses einfügen, wobei ich es so aber auch gelungen finde, weil es das "harte" unterstreicht, also die Bedeutung unterstützt :)

Quoted

Geräusche rücken spürbar näher,

Hat es hier eine Bdeutung, dass nur Umlaute verwendet wurden?

Quoted

Geräusche rücken spürbar näher,
als wär die Stadt in meinem Kopf
nur kleine Meter noch entfernt.
Bei hohlen Mauern klaffen Wunden.

Diese Strophe gefällt mir besonders. ich mag das Bild von der Stadt :)

Mfg

Spiele kein Lied, das du selbst nicht hören kannst.

Chepre

Unregistered

5

Sunday, October 29th 2006, 11:05pm

Hallo, Peach. :)

Naja, hab nur nach Gehör geschrieben hier. Das "so", was du vorschlägst für S4 Z4, werd ich nicht dazunehmen, weil es in meinen Augen die Intensität des "hart" extrem abschwächt.

Das mit den Umlauten in S1 Z1 hat absolut keine Bedeutung, nein. ?(

Warum du für S3 Z1 allerdings "seh" vorschlägst, kann ich ehrlich nicht nachvollziehen. ;) Ein verünglückter Konjunktiv I? Passt mir schon gut so, wie es da steht. :)

Freut mich, dass dir mein Text gefällt. :) Danke für deinen Beitrag! :]

Gruß, Ratze

Date of registration: Feb 7th 2006

Posts: 722 wcf.user.activityPoints: 4,130

Occupation: Grossstadtneurotikerin a.D.

6

Monday, October 30th 2006, 8:35pm

hallo Katzi,
mein Gehör sagt mir,
dass die beiden Schlussverse in ihrer Härte absolut überzeugend sind.
Fast möchte ich behaupten, es wären die einschneidendsten, herausragendsten, doch meine ich, die anderen stehen ihnen kaum nach, in ihrer Profiliertheit.
Ich lese ´knochenblau´, und spüre dieses Wort in mir,
ohne es wirklich zu begreifen. Es lässt mich an dumpfe Schläge denken, an Hämatome (blau) , die tief (knochen) sitzen, so tief, dass sie nach aussen hin nicht sichtbar erscheinen. oder vom lyr.I bewusst verborgen werden (?) hinter einer Schutzschicht. Bereits hier gibt es viel zu hinterfragen, zu entdecken - das gefällt mir sehr.
´knochenblau und aufgedunsen´ - hier haust du mir die Vokale nur so um die Ohren, dass es knallt! der Vers wirkt dadurch enorm kompakt. klasse. doch was mag dieses ´aufgedunsen´ bedeuten? Fühlt sich das lyrI wie ein Schwamm, in dem sich alles sammelt, was ihn umgibt?

Es ´schiebt´sich in ´dumpfe Schichten, erwacht ´an schwülem Dunkel´ - die Umgebung scheint keine klaren Formen zu haben, scheint für das lyrI nicht greifbar zu sein. Vielleicht ist es ja orientierungslos, weil es sich selbst nicht abgrenzen kann (Schwamm).

wie in einer Grossstadt (im Kopf), in der ununterbrochene Betriebsamkeit herrscht, und kaum Raum für stille Momente zu sein scheint, in dem der Einzelne unterzugehen droht oder durch diese Verwirrung sich selbst aus den Augen verliert (...weiß nicht recht zu ahnen,wo sich denn die Himmel legten, fand sich blasser auf der Erde)

all das konnte ich spüren, in deinen Versen,
noch bevor ich mir die Spuren, die du gekonnt gelegt hast,
genauer betrachtet habe. Und jetzt, nachdem ich mich darauf eingelassen habe, bin ich umso mehr von ihnen begeistert.

wunderbares ´Kopfkino`--> kleiner Grammy von mir :]

+lG

Kali
Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

Chepre

Unregistered

7

Tuesday, October 31st 2006, 9:58pm

Hallo, Kaleidoskop! :)

Deine Deutung von "knochenblau" gefällt mir sehr. ;)

Das Wort resultiert eigentlich "nur" aus einem Schreibfehler eines meiner Chatpartner in icq, der "Knoblauch" meinte. Dann noch einmal falsch gelesen von mir :], und schon haben wir sowas, was einen nicht mehr loslässt. Ich finde dieses Wort zugegeben absolut genial. :P

Was du aus "aufgedunsen" liest, kommt genauso hin. :)

Die Umgebung wird vom Ich einfach total anders empfunden als sonst. Alles rückt ihm irgendwie viel zu nahe, die Geräusche stürzen sich auf seine Wahrnehmung als hätte man es penetrant gekitzelt... Ach, ich weiß grad selber kaum, wie ich das erklären soll.

Das Dunkel der Nacht ist hier nicht mehr erholsam, es fühlt sich nur noch an wie eine schwüle, schwere, nasse Decke.

Quoted

oder durch diese Verwirrung sich selbst aus den Augen verliert

Ich weiß nicht, ob wir hier das gleiche meinen. :) Mit S3 Z3 wollte ich ausdrücken, dass es für das Ich keinen Horizont mehr gibt, an dem es sich irgendwie ausrichten könnte. "blass" soll hier einfach so etwas wie "erschrocken, verängstigt" sein.

Danke dir sehr für den Komment und dein Lob an meinem Text! :)

Gruß, Ratze

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