Drei Tage
Drei Tage: Montag
Mit eigenen Worten: Es geht mir gut.
Nicht so gut freilich wie einem der wie ich ist und in Rom.
In den Tiber spucken, vielleicht, die Tauben verfolgen, zum Kellner sagen: Einen Espresso, bitte.
Doch es reicht mir. Auch im Tiber schwimmen Ratten, das weiß ich, und es heitert mich auf. Meine Ratten nämlich sind nicht im fernen Italien, meine schwimmen mir hier übers Gemüt.
In ein Café gehen: Nein, ich will niemanden zufällig treffen.
Eine Zugfahrt, eine kleine, nach Basel vielleicht: Nein, dafür ist zu heiß.
Einfach sitzen bleiben: Ich bin viel zu aufgeregt.
Ein Gedicht schreiben: Ich kann heute keinen Griffel halten.
Vier kurze Optionen, keine befriedigt mich, denn du bist nicht da.
Aufstehen, im Zimmer umhergehen, Gott im Himmel, was treibst du, hinsetzen, einen vergeblichen Blick in die Zeitung: Wie erwartet, nichts Neues von dir.
Ich wäre nicht gegangen, wegen dir nicht. Du bist.
Draußen schwitzen die Bäume. Ob du auch? Gras stirbt gelb. Fensterbankrosen scharlachrot. Wohin aber jetzt, weg vom bunten Sterben?
In meiner Ferienwohnung, der römischen, ist kein Platz für mich allein. Der Rembrandt im Kunstdruck schiebt mich aus der Tür. Die Türangeln rosten sich starr wenn ich draußen bin.
Rom hat sich gegen mich verschworen – wie du.
Dabei flohst du nicht einmal zu den sieben Hügeln am Tyrrhenischen Meer.
Du flohst einfach nur.
Und nun? Nun ja, ich bin allein. Wer sollte sonst noch hier sein.
Wärst du in Rom, würde ich dich suchen.
An der Aurelianischen Mauer entlang streifen, auf Piazzas zwischen Steinfugen scharren, dich mit alten Statuen verwechseln. Aber du bist es nicht. Du bist weiter.
Doch zuerst einmal, warum du gingst: Nicht wegen mir.
Wer das glaubt.
Man bräuchte dich.
Vielleicht, ich weiß nicht. Mehr als ich?
Wenn jetzt nicht dann nie.
Lieber nie.
Und nachdenken müsstest du. Das sagt alles.
Afrika ist nicht wie Rom. Nichts ist wie Rom.
Alte Liebe rostet nicht, dass ich nicht lache. Das Ausbleiben deiner Briefe steht mir Zeuge.
Vielleicht kommst du morgen ja, oder übermorgen. In drei Tagen passiert viel. Die Woche hat gerade angefangen, warum sie schon enden lassen?
Warum die Tage gleich abhaken im Kalender, noch nicht gelebte, aus Angst, sie bleiben Papierleichen?
Warum nicht die Blätter heute schon herunterreißen um zu schauen was passiert, morgen und übermorgen, warum?
Weil es nicht geht.
Über die Zeit ist nur einer Herr.
Sei gegrüßt, setz dich hin.
Natürlich, was trinkst du? Cafe kommt sofort, sei so gut, Marie.
Wie stehen die Aktien? Natürlich, man ließt schließlich auch Zeitung. Mein Gott, schlecht beraten kann jeder werden, das wird schon wieder.
Und sonst? Die Kinder? Prächtig. Grüß deine Frau.
Nun ja, sie ist eben weg. Nur weg, mehr nicht. In Kairo. Ja, die Medizin. Schön, sie verdient auch gut, natürlich.
Doch, sie fehlt mir.
Drei Tage: Dienstag
Viel hast du mir nicht da gelassen von dir.
Ein paar krause Haare mir zum Trost.
Dein Vermächtnis: ein paar Fotos.
Briefe, wenige, mit deinem Absender.
Erinnerungen als Erbschaft, mich zum Millionär machend.
Letzte Grüße von dir, geschrieben auf die Rückseite von Unterlagen.
Ein paar Kleider im Schrank, mehr konntest du nicht mitnehmen. Wenn du gekonnt hättest, ich bin mir sicher, hättest du alles mitgenommen. Nicht dass du mehr hättest müssen – du hast mir nie versprochen.
Aber Versprechen können auch schöne Momente sein. Berührungen etwa, Gespräche. Spaziergänge am Rhein. Nichts bleibt unvergessen. Keine Erinnerung ist nicht in ein Regal sortiert. Und an jeder Erinnerung klebt ein Versprechen. Flüchtig einige, dauerhaft andere, schwere wie Steine, vogelfederleichte. Versprechen hielten uns zusammen, unausgesprochene aber, damit ich dich nicht zu Gericht ziehen kann, keine einstweilige Verfügung erlassen darf: Bleib bei mir, du musst, du unterschriebst.
Von Gedanken kannst du dich freikaufen.
Auf Erinnerungskosten.
Vielleicht kommt morgen ein Telegram: Ankomme Freitag, kurz vor Mitternacht, denke ich. Warte nicht im Bahnhof, ich nehme ein Taxi.
Wie soll ich dich empfangen?
Wie empfängt man jemanden, der nicht gerne kommt?
Keine Blumen machen ein trauriges Gesicht schöner.
Wie sagt man? Was weh tut lebt. Ich lebe wie nie. Ich kann nicht schlafen vor Lauter Leben.
Einen guten Anfang finden, einen Roman schrieben, ein lang geschriebenes Gedicht überarbeiten. Nichts geht.
Als ich erwachte war mir übel
Als ich aufblickte in den Spiegel sah ich Knochen. In dunklen Höhlen lagen Augen verborgen, Schweinsaugen, wässrige. Ich fühle wie ich zerfalle.
Zum Postkasten: Nichts Neues aus dem Süden.
Der Nachbar grüßt, ich schaue weg. Ich will nicht gesehen werden ohne dich.
Bevor du gingst batest du: Sei nicht traurig. Ich komme wieder sagtest du.
Wann? Wie Wachs zerläuft Glück. Wie Glück zerläuft der Tag.
Was ist ein Tag, der aus ein paar Zeilen besteht? Das gröbste herausgefiltert, der Rest gepresst, unter meinem ganzen Gewicht. Eingedampft auf ein paar Sätze, Wörter mit Buchstaben, schwer wie Stunden, Satzzeichen, schwer wie Jahre des Schweigens. Wie Einsamkeit Momente zu Jahren macht.
Auf dem Tisch schreibt der Staub schneller als meine Feder. Die Mücken malen schneller Buchstaben über meinem Kopf.
Meine Füße sind auf den Boden geschraubt. Zentimeterlange Schrauben durch die Sohlen. Keine Zentimeter rühre ich mich. Meine Hände: Gelähmt, meine Lippen verklebt vom Speichel der einst noch befeuchtenden Zunge, nun ins Gegenteil verkehrt.
Meine Augen: offen. Du könntest plötzlich da sein und ich dich nicht sehen. Meine Ohren: wach. Dein Stimme könnte erschallen im Treppenhaus, Hallo rufen von weitem, Autotürschlagen erreicht mich vielleicht durch das Fenster, Taxilärm.
Drei Tage: Mittwoch
Wer sagte: Hör auf an mich zu denken? Einer der nicht bescheid wusste.
Wer sagte: Aus den Augen aus dem Sinn? Keiner der wirklich lieben kann. Der Abend wächst länger, die Schatten in mein Fenster, die Sterne langsam mir in die Ohren, verstopfen sie, lassen mich das Uhrenticken vergessen. Laut läuft im Radio immer das selbe Lied.
Leise dörren abgeworfene Feigenbaumblätter vor sich hin. Hier und auf den sieben Hügeln.
Durchflutet von Taten werde ich morgendlich, Gedanken an Taten, Wunschtaten. Die laute Musik und die Wände sind eines. Das Karma tropft von den Wänden. Deines vermischt mit meinem, unsere Liebe wohnt hier noch, die Laken sind beseelt, von Schweiß durchtropft immer noch, besessen wie von Ungeziefer.
Nirgendwo ein Platz mehr der nicht lebt: Tausend Zuckungen unter der Decke: Tausend Küsse Bruderkuss, Tausend Küsse Kainsmahl.
Warm ist immer noch die Bettstatt, das Herdfeuer löscht hier nie, meint man, nicht nach drei Tagen Einsamkeit, die neue Wärme wächst aus mir selbst, nein, aus deinem Gedenken, aus der Sehnsucht nach dir.
Aus ihr verbrennen Städte, ich lasse Sie brennen wie Nero Rom, unbeholfen, was sollte ich sonst tun? Keine Macht ist so groß wie die, das selbst gebaute zu verbrennen, und wenn es die Liebe ist, dann durch die Liebe. Nichts geht mehr. Keine Samsara.
Der Tag pulsiert: Lichtritzen kriechen durch die Läden, streichen die Wände neu, dringen ein in meine Sakristei. Schreiben Zeilen an die Wände.
Geh, steht da, geh endlich, daneben, bleib hier und verrecke.
Fessel dich selbst nicht, Geist, lauf nach deiner Liebe, wenn sie dir Freiheit bedeutet, warte nicht auf sie.
Lauf was deine Muskeln hergeben, lauf deinem Geist hinterher.
Der Rhythmus steigt an, Frauen klagen, Türen schlagen, wohin geht die Nachtfahrt?
Wohin fliegt der Lebensgeist?
Unter die Matratzen kriecht er.
Unter den Türritzen hindurch.
Hinaus, durch Wurmgräben in die Welt, in Baumstämmen wird er in die Luft gesogen, in Meeren löst er sich nicht auf, das Leben verdünnt sich nicht.
Er flieht zu dir:
Weit weg durch die Tannenwälder Schwarzwald.
Über die Weinberge Kaiserstuhl.
Auf dem Rhein durch Basel.
Durch die Steinöden Alpenland.
Zu der Fischerküste Rimini.
Durch die Kanäle Venedig.
Durch die Gärten Rom.
Über die Schwefelfelder Neapel.
Durch die Meerenge Messina.
Auf dem Meeresboden Bronzewächter Rhodos.
Nach unten, zum Nildelta Alexandria.
Zu dir, Liebe, Pyramide, Kairo.
Irgendwo zwischen Dünen liegt sie verscharrt.
Wer sie aushebt belebt sie. Wer mit ihr nach Haus segelt hat Wind. Wer bei ihr bleibt Frieden. Wer sich entfernt, auch von sich selbst kommt an.
Der Weg ist das Ziel.
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