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Jim Knopf

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1

Wednesday, February 8th 2006, 9:50pm

Wintermorgen

In diesem Wintermorgenaugenblick,
da mir das Süßsein warmer Frühlingstage
ganz unverschleiert wie Dein Lächeln glich,
schritt ich nach Großem aus und habe

doch einen Kiesel nur vom Grund gefischt
des klaren Bächleins, das verwunschen rauscht.
Der wird mir, wenn der Tag erlischt,
für dunkle Küsse eingetauscht -

damit dem kleinen weißen Stein,
von raschen Wassern seicht umspült,
ein Rausch entsteigt, wie schwerer Wein,
der uns besänftigt und zerwühlt.
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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Steffi

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2

Friday, February 10th 2006, 1:31pm

Hallo Jim,
Ein gelungenes Gedicht mit einer interessanten Geschichte. Deine Zeilen fließen gut und scheinbar bist du einer der wenigen, die es nicht auf Teufel kommt raus immer im Hakenstil verfassen müssen. Das gefällt mir sehr :).

Nur mit dem Schluss habe ich ein kleines Problem. Ich kürze mal von überflüssigen Nebensätzen, damit es besser verständlich ist :

Quoted

Der wird mir, wenn der Tag erlischt,
gegen zwei Küsse eingetauscht - (hier übrigens Tröchäus, stört aber nicht)

damit dem kleinen weißen Stein,
[...]
ein Rausch entsteigt und uns zerwühlt.


Dass es genau zwei Küsse sind, hatte ich eigentlich darauf zurückgeschoben, dass hier nur eine freundschaftliche Beziehung vorliegt (Küsschen links, Küsschen rechts, du weißt schon). Aber scheinbar ist dies ja eine sehr bewusste Handlung von Seiten des lyr. Du, die extra darauf abzielt, dass der Stein die beiden berauscht. Mh. Vielleicht steh ich auch nur auf dem Schlauch :D.

Dass du was drauf hast, sieht man ja, es würde mich freuen, wenn du dich aktiv in dieser Gemeinschaft beteiligen würdest.

Liebe Grüße,
Steffi
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Jim Knopf

Intermediate

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3

Friday, February 10th 2006, 8:39pm

Danke, liebe Steffi, für deine Kritik und die Verbesserungsvorschläge. Ich muß dir leider sagen, daß ich nicht weiß, was ein Trochäus ist, wahrscheinlich, weil mein Deutschunterricht schon ein paar Tage zurückliegt. Hörte sich aber interessant an, was du dazu (halb) angemerkt hast - kannst du das näher erläutern ?
Mit der letzte Strophe hast du recht, und deine Version fließt besser als meine... ich lasse den Vorschlag noch 1 oder 2 Nächte meine Herzkammern durchwandern, und dann kommt der Augeblick der ENTSCHEIDUNG... bis denne - und: ja, ich werde mich hoffentlich aktiv hier einbringen können, Keksfarbe ist einfach unglaublich inspirierend :]
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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Steffi

Lyrisches Licht

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4

Friday, February 10th 2006, 9:03pm

Hallo Jim Knopf,
Es verwundert mich, dass du von Versfüßen scheinbar kaum/keine Ahnung hast. Ich zeige dir die Metrik deines Textes hier kurz auf :

Quoted

In diesem Wintermorgenaugenblick, (xXxXxXxXxX)
da mir das Süßsein warmer Frühlingstage (xXxXxXxXxXx)
ganz unverschleiert wie Dein Lächeln glich, (xXxXxXxXxX)
schritt ich nach Großem aus und habe (xXxXxXxXx)

doch einen Kiesel nur vom Grund gefischt (xXxXxXxXxX)
des klaren Bächleins, das verwunschen rauscht. (xXxXxXxXxX)
Der wird mir, wenn der Tag erlischt, (xXxXxXxX)
gegen zwei Küsse eingetauscht - (XxxXxXxX)

damit dem kleinen weißen Stein, (xXxXxXxX)
der, seit Jahrhunderten umspült, (xXxXxXxX)
im Wasser ruht - wie schwerer Wein - (xXxXxXxX)
ein Rausch entsteigt und uns zerwühlt. (xXxXxXxX)


Du siehst, in allen Zeilen außer in S2V4 ist die Abfolge von unbetonten Silben x und betonten Silben X wiefolgt : xX - also jambisch. Nur die eine Zeile fällt aus dem Rahmen (wie genau ich das jetzt nennen soll ist eine gute Frage trochäisch ist es eigentlich auch nicht, da hatte ich eine Silbe vorhin übersehen). Worum es geht : Sie fällt aus dem Rahmen.

Der Jambus scheint dir im Blut zu liegen ;).
Schau einfach mal hier rein, wenn es dich interessiert : Neue Metrikwerkstatt für Anfänger

Liebe Grüße,
Steffi

PS. Jetzt hätt ichs fast vergessen : Dort wo das eine Wort fehlte, übernimm bitte nicht meinen Vorschlag, denn dann hast du eine holpernde Zeile, weil du dann ein x zuviel hast. Metrisch ist deine Version richtig, nur sprachlich nicht. Da musst du dir noch was einfallen lassen.
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Jim Knopf

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5

Saturday, February 11th 2006, 1:29am

Hallo, Steffi, danke, daß du dir so viel Mühe gemacht hast - mein 1. ge-x-tes Gedicht ! Ich schreibe ausschließlich nach Gehör und gewähre keiner Betonungstheorie Zugang zu meinem Gedichteschreibzentrum, aber natürlich ist es sehr spannend, den eigenen Text so durchleuchtet zu sehen. Kleinere Holperer können durch entsprechende Betonung beim Vorlesen ausgeglichen werden, manche kann man auch als Stilmittel verwenden. Mal sehen, ich muß mit der letzten Strophe aber noch etwas machen.
Aber jetzt heißt es erst einmal: gute Nacht !
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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vunkenvlug

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Location: Göttingen/Schmargendorf/Dahme. und mein geist hat hoffentlich von vielen etwas aufgenommen, das er zu erkennbar eigenem amalgamiert.

Occupation: ich wurde nicht berufen, nicht einmal beflüstert.

6

Saturday, February 11th 2006, 6:31am

"im Wasser ruht - wie schwerer Wein "
wer wasser mit wein verdickt, handelt kaum schändlicher als der, der wein mit wasser verdünnt.
ich liebe groteske bilder, wenn sie denn einen hintersinn haben.

Steffi

Lyrisches Licht

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7

Saturday, February 11th 2006, 1:18pm

Hallo Jim,
Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum du in Versen schreibst, mit Reimen und auch mit aus Gefühl getroffenem aber trotzdem indirekt beabsichtigten (du wolltest ja möglichst gut lesbare Zeilen) regelmäßigem Metrum, du dir aber nicht mal ein wenig Theorie antun willst bzw. diese sogar konkret ablehnst (ich denke mal, wenn du keine Betonungslehre erlernen willst, wird es sich mit anderer "Theorie" ähnlich verhalten). Die Theorie verändert doch nicht deinen Stil, so dass die Texte gekünstelt daherkommen, sondern sie hilft dir, bewusster zu schreiben und zeigt dir Mittel auf, wie du das zu transportierende Gefühl im Text noch verstärken kannst.

Letztendlich muss es jeder für sich wissen, aber die Einstellung sich keine Theorie antun zu wollen bzw. sie abzulehnen, kann ich höchstem jemandem abnehmen, der absolut "frei" schreibt. Spätestens mit dem wiederholtem Gebrauch eines reinen Reimes weißt du was einen reinen Reim ausmacht und weißt somit auch die Theorie, wenn du verstehst was ich meine.

Wir brauchen das nicht auszudiskutieren, ich wollte dir nur meine Meinung diesbezüglich erklären.

Liebe Grüße,
Steffi
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Jim Knopf

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8

Sunday, February 12th 2006, 1:54am

Hallo, vunkenvlug (pranntgefehrlich, dein Pseudonym !),
mitnichten will ich dem Wein Wasser beifügen oder umgekehrt. Der schwere Wein soll sich mit dem Rausch in der Zeile darunter verbinden bzw. sich darauf beziehen. Steffi hat ja schon geschrieben, daß hier eine Entwirrung sinnvoll wäre, und ich hocke momentan noch in meinem Kellerlabor über halben Sätzen, ganzen Silben und verirrten Buchstaben, um das Ganze zu einem besseren Ende zu formen.

Hallo, Steffi, ich habe bislang beim Gedichteschreiben einfach nichts vermißt, das ist alles. Wenn Worte in mir fließen, die Metaphern mir nicht widersinnig vorkommen, bringe ich sie zu Papier und höre dann, ob der Text seinen Inhalt transportiert oder nicht. Eine Verinnerlichung von lyrischer Theorie käme mir vor wie die Präsenz eines Schiedsrichters beim Liebesakt ;)
Jemand/etwas sähe mir bei Dingen über die Schulter, die sehr intim sind und nur aus Gefühl bestehen.
Aber es stimmt, wenn man dieses Thema beginnt, wäre man auch nach dem 100. "Antwort erstellen" nicht fertig damit (deshalb ist es ja auch so spannend !).

Danke für eure Nachrichten und gute Nacht !
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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vunkenvlug

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9

Sunday, February 12th 2006, 3:11am

hi Knopf,
ist nicht der richtige ort, seinen nick zu erklären, aber vielleicht soll es wenigstens irgendwo geschehen.
der "vunke" bezieht sich einerseits auf die leninsche "iskra", die freilich brandgefährlich ist (nicht für mich), andererseits, und darum wählte ich die verschrobene schreibweise, auf eine metaphysische vorstellung, die, ebenfalls kommunistisch, ja, taoistisch geprägt, von der ubiquität des bewusstseins handelt.
ich begreife das sein als den springenden punkt, der immer derselbe ist und trotzdem gegen sich opponiert.

verständnis für diesen schwierigen gedanken erwarte ich nicht. ich verstehe ihn selbst nur in momenten, in denen ich mehr bin als ich.

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10

Sunday, February 12th 2006, 1:02pm

RE: Wintermorgen

Quoted

Original von Jim Knopf
In diesem Wintermorgenaugenblick,
da mir das Süßsein warmer Frühlingstage
ganz unverschleiert wie Dein Lächeln glich,
schritt ich nach Großem aus und habe

doch einen Kiesel nur vom Grund gefischt
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der, seit Jahrhunderten umspült,
im Wasser ruht - wie schwerer Wein -
ein Rausch entsteigt und uns zerwühlt.


Hallo Jim

Sehr schönes Gedicht. Du legst so viel Ästhetik in einen Wintermorgenaugenblick, wie es kein reales Blinzeln je zustande bringen wird: somit generierst du Bildfolgen in meiner inneren Welt, die mich für deine Verse danken lassen.
Einzig beim bereits beanstandeten "gegen" war ich leicht gestrauchelt. Offenbar wolltest du nicht bewusst harmonischen Lesegenuss stören.
Hättets du zB. "für ein, zwei Küsse eingetauscht -" geschrieben
würde man es ungebrochen daDAdaDAdaDAdaDA aufnehmen.

liebe Grüße
Alcedo

Jim Knopf

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11

Sunday, February 12th 2006, 1:43pm

Hallo, vunkenvlug, danke für die partielle Enträtselung deines Pseudonyms.

Hallo, Alcedo. Danke für deine Kritik ! Ich bin gerade meiner dunklen Kellerwerkstatt entstiegen und habe neue Ware ins Schaufenster gelegt :]. "Gegen" ist weg, auch die letzte Strophe habe ich versucht zu entwirren. Es ist sehr spannend, dem eigenen Text unter den kritischen Blicken einiger Mitschreiber beim Sich-Verändern zuzusehen - mir gefällt´s jetzt besser, dir/euch hoffentlich auch ?!

Liebe Grüße.
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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vunkenvlug

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12

Sunday, February 12th 2006, 5:06pm

"für dunkle küsse eingetauscht" ist entschieden besser als die vorfassung, korrespondiert auch mit dem "weißen stein".
"zwei" küsse splitterte die vorstellungskraft, sie war mit zu viel auf einmal beschäftigt. nach möglichkeit sollte man intensivieren durch reduktion.
so hat Odin nur ein auge (ein allsichtiges), Tyr nur einen arm (einen besonders starken) wie auch der arbeiter im lied "alle räder stehen still, wenn dein starker arm es will". im kussgedicht Hofmannsthals heißt es "ein tropfen aus dem becher sprang" und dieser eine tropfen ergibt eine viel stärkere vorstellung als sie ein gestürzter pokal zu geben vermöchte.
die gefahr der monumentalisierung besteht allerdings, man muss eben abwägen, wieviel pathos angemessen ist, leicht kann man zu viel des guten tun, das dann ins lächerliche abgleitet.

Jim Knopf

Intermediate

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13

Sunday, February 12th 2006, 6:07pm

Hallo, vunkenvlug,

danke für deine positive Rückmeldung zu meiner lyrischen Teil-Renovierung.
Es stimmt auch, daß in dem Gedicht einiges an Pathos enthalten ist, und ganz sicher ist es nicht "zeitgemäß". Das soll es aber auch gar nicht sein, und ich hoffe, schon in der 1. Strophe wird zwischen den Zeilen ein Augenzwinkern erkennbar... ?

Schönen Sonntag noch !
Nächtliche Vögel picken die ersten Sterne auf, die erglitzern wie meine Seele, wenn ich dich liebe. Pablo Neruda

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14

Sunday, February 12th 2006, 10:59pm

"für dunkle Küsse" ist eindeutig ein Gewinn, schön gelöst.

auch dass die Jahrhunderte verschwunden sind empfinde ich als positiv.

aber das Adjektiv "seicht" hat mir zu viele negative Assoziationsmöglichkeiten. Außerdem schließt es sich durch das vorangehende rasche Umspülen ja fast schon aus.

kleiner unverbindlicher Vorschlag:
"von raschen Wassern stet umspült,"

Gruß
Alcedo

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15

Monday, February 13th 2006, 2:42pm

liebes Lummerland,

ich bin der vermessenen Ansicht, die Praxis stand vor der Theorie,
die Theorie entstammt ihr förmlich. Und wenn ich die Melodien deine Verse betrachte, muss ich zugeben, dass ich es fast bedauerlich fände,
wenn du dir dein feinsinniges Sprachgefühl ´verkopfen´;) würdest.

und inhaltlich ? --> *hach!*

kaum zuvor empfand ich die Vorstellung von ´dunklen Küsse´ derart faszinierend...

falls dir mein Kommentar sprachwissenschaftlich nicht genügen sollte,
freut mich das in diesem Fall ganz besonders

:]
Tipp für mißachtete Analphabeten: auch hinter einem nicht geschriebenen Satz lässt sich ein Punkt setzen.

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